Krippe oder Kindertagespflege? Unter welchen Aspekten Eltern die richtige Betreuung für ihr Kind unter drei Jahren finden können – ein Plädoyer für eine bindungsorientierte Betreuung
- Fernando Rueda

- 11. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Wenn Eltern vor der Entscheidung stehen, wo ihr Kind in den ersten drei Lebensjahren betreut werden soll, geht es häufig um Öffnungszeiten, Entfernung, pädagogische Konzepte oder die Ausstattung der Räume.
Aus neurobiologischer Sicht steht jedoch eine andere Frage im Mittelpunkt:
Wo findet mein Kind einen Menschen, bei dem es sich sicher, verstanden und emotional getragen fühlen kann?
Gerade in den ersten drei Lebensjahren können Kinder starke Gefühle, Stress und innere Anspannung noch nicht allein regulieren. Sie brauchen vertraute Erwachsene, die ihre Signale wahrnehmen, ihre inneren Zustände möglichst tiefgehend verstehen, sie beruhigen und trösten.
Durch viele solcher Erfahrungen entsteht allmählich etwas Entscheidendes: Das Kind übernimmt die in der Beziehung immer wieder erlebte Regulation zunehmend in sein eigenes inneres Erleben.
Wer immer wieder verstanden wurde, kann lernen, sich selbst besser zu verstehen.Wer beruhigt wurde, entwickelt zunehmend die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen.Wer Schutz erfahren hat, kann später selbstständiger und sicherer die Welt erkunden.
Der strukturelle Vorteil der Kindertagespflege
Die Kindertagespflege bietet durch ihre kleine und überschaubare Gruppe einen deutlichen Vorteil. Eine konstante Bezugsperson kann die einzelnen Kinder genauer wahrnehmen, ihre unterschiedlichen Signale kennenlernen und individueller auf Stress, Müdigkeit, Unsicherheit oder das Bedürfnis nach Nähe reagieren.
Gerade bei sehr jungen Kindern ist diese Feinfühligkeit von besonderer Bedeutung. Ein Kleinkind kann häufig noch nicht sagen, was es belastet. Sein Verhalten ist seine Sprache. Weinen, Rückzug, Wut, Anklammern, Beißen oder scheinbare Unruhe sind deshalb nicht einfach störendes Verhalten, sondern können Ausdruck eines inneren Zustandes sein, der verstanden werden möchte.
In einer kleinen Gruppe bestehen grundsätzlich bessere Voraussetzungen dafür, solche Signale wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.
Aber eine kleine Gruppe allein schafft noch keine sichere Bindung.
Auch in der Kindertagespflege hängt die Qualität entscheidend davon ab, ob die Betreuungsperson tatsächlich in der Lage ist, Beziehung zu gestalten: Kann sie die Signale des Kindes verstehen? Kann sie auch bei starken Emotionen ruhig und präsent bleiben? Kann sie trösten, ohne vorschnell abzulenken? Kann sie hinter einem herausfordernden Verhalten ein Bedürfnis oder einen inneren Zustand erkennen?
Die entscheidende Frage für Eltern lautet deshalb nicht nur:
Wie groß ist die Gruppe?
Sondern auch:
Welche Beziehungserfahrungen macht mein Kind mit dem Menschen, der es täglich begleitet?
Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Eingewöhnung zu. Denn Eingewöhnung bedeutet nicht Ablösung.
Eingewöhnung bedeutet nicht Ablösung
Der Begriff der „Ablösung“ wird im Zusammenhang mit der Eingewöhnung kleiner Kinder noch immer häufig verwendet. Aus meiner Sicht beschreibt er jedoch nicht das Wesen einer guten Eingewöhnung.
Ein Kind muss sich nicht von seinen Eltern lösen, um eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen.
Im Gegenteil: Eine sichere und tragfähige Bindung zu den Eltern bildet die Grundlage dafür, dass ein Kind sich der Welt zuwenden kann. Je sicherer sich ein Kind seiner Bindungsbeziehungen sein kann, desto eher kann es explorieren, seine Umgebung entdecken und Beziehungen zu weiteren vertrauten Menschen aufbauen.
Das Ziel der Eingewöhnung besteht deshalb nicht darin, die Bindung zwischen Eltern und Kind zu lockern. Die bestehende Bindung sollte vielmehr geschützt und gestärkt werden.
Das Kind soll erleben:
Meine Eltern bleiben meine sichere Basis. Sie verschwinden nicht aus meinem inneren Erleben, nur weil ein weiterer Mensch für mich wichtig wird.
Eine neue tragfähige Beziehung zur Betreuungsperson entsteht nicht anstelle der Beziehung zu den Eltern. Sie entsteht zusätzlich zu ihr.
Das Kind erweitert seinen Kreis vertrauter und sicherer Beziehungen.
Eingewöhnung beginnt für mich deshalb bei den Eltern
Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit während der Eingewöhnung richtet sich zunächst an die Eltern.
Denn auch Eltern bringen Sorgen, Unsicherheiten, Erwartungen und manchmal Ängste in diesen Übergang mit. Sie übergeben ihr kleines Kind einem anderen Menschen und erweitern damit den Beziehungskreis ihres Kindes.
Das ist ein bedeutender Prozess und kann nicht allein durch einen organisatorischen Eingewöhnungsplan gestaltet werden.
Eltern müssen die Erfahrung machen können, dass ihre Fragen ernst genommen werden. Sie müssen sich mit ihren Sorgen verstanden fühlen und erleben können, dass die
Betreuungsperson ihr Kind wahrnimmt, seine Signale versteht und auch in schwierigen Situationen ruhig und handlungsfähig bleibt.
Das braucht Zeit.
Es braucht Gespräche, gegenseitiges Kennenlernen und eine wirkliche zwischenmenschliche Auseinandersetzung. Für mich bedeutet Eingewöhnung deshalb nicht nur, eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, auch den Eltern Sicherheit zu vermitteln, ihre Ängste zu verstehen und durch Transparenz, Verlässlichkeit und Handlungskompetenz Vertrauen entstehen zu lassen.
Dabei geht es nicht darum, Eltern dabei zu helfen, sich von ihrem Kind zu lösen.
Es geht darum, die Eltern in ihrer Beziehung zu ihrem Kind zu stärken und ihnen die Sicherheit zu geben, dass ihr Kind eine zusätzliche Beziehung eingehen kann, ohne dass die bestehende Bindung dadurch geschwächt wird.
Wenn Eltern zunehmend erleben:
Mein Kind ist hier sicher. Mein Kind wird gesehen. Mein Kind wird verstanden. Und meine Beziehung zu meinem Kind bleibt bestehen und wird respektiert,
kann Vertrauen wachsen.
Dieses Vertrauen der Eltern ist auch für das Kind spürbar.
Die Schwierigkeit institutioneller Betreuung
Genau hier sehe ich eine strukturelle Schwierigkeit der institutionellen Betreuung von Kindern unter drei Jahren.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass in Krippen keine liebevollen, engagierten und fachlich kompetenten Menschen arbeiten. Selbstverständlich können auch dort tragfähige Beziehungen entstehen.
Die Frage ist vielmehr, unter welchen Bedingungen diese Menschen arbeiten müssen.
Größere Gruppen, Schichtsysteme, wechselnde Bezugspersonen, Personalausfälle, Zeitdruck und institutionelle Abläufe können den Raum für eine intensive Beziehungsgestaltung mit Kind und Eltern erheblich begrenzen.
Gerade die Eingewöhnung eines Kindes ist jedoch kein standardisierter Vorgang. Beziehung lässt sich nicht nach einem festen Zeitplan herstellen. Vertrauen entsteht in Interaktion – durch Wahrnehmung, Resonanz, Verlässlichkeit und wiederholte Erfahrungen von Sicherheit.
Für Kinder unter drei Jahren reicht es deshalb nicht aus, eine Eingewöhnung ausschließlich als schrittweise Verlängerung der Trennungszeiten zu verstehen.
Eingewöhnung ist ein Beziehungsprozess
In der Kindertagespflege besteht durch die kleinere Struktur grundsätzlich mehr Raum für diese persönliche Beziehungsebene. Die Betreuungsperson, die das Kind später täglich begleitet, ist in der Regel auch die Person, die mit den Eltern die Eingewöhnung gestaltet, Gespräche führt, Sorgen wahrnimmt und Vertrauen aufbaut.
Diese Kontinuität kann für Kinder unter drei Jahren von großer Bedeutung sein.
Sichere Bindung ermöglicht Exploration
Aus neurobiologischer Sicht entwickelt sich Selbstständigkeit nicht dadurch, dass ein kleines Kind möglichst früh Trennung aushalten oder allein mit seinen Gefühlen zurechtkommen muss.
Ein Kind entwickelt Selbstständigkeit aus einer sicheren Beziehung heraus.
Es wird immer wieder beruhigt und entwickelt daraus allmählich eigene Möglichkeiten der Beruhigung. Es wird verstanden und lernt zunehmend, seine eigenen inneren Zustände wahrzunehmen. Es erlebt Schutz und kann gerade deshalb mutiger die Welt erkunden.
Ein sicher gebundenes Kind muss seine Bindung nicht aufgeben, um zu explorieren.
Im Gegenteil:
Weil es eine sichere Basis hat, kann es sich entfernen.
Weil es zurückkehren kann, kann es entdecken.
Weil es sich seiner Beziehung sicher ist, kann es weitere Beziehungen eingehen.
Selbstständigkeit steht deshalb nicht im Gegensatz zu Bindung.
Sichere Bindung ist eine wesentliche Grundlage dafür, dass Selbstständigkeit überhaupt entstehen kann.
Mein Fazit
Für Kinder unter drei Jahren ist Betreuung in erster Linie Beziehung.
Die Kindertagespflege besitzt durch kleine Gruppen, eine konstante Bezugsperson und den unmittelbaren Kontakt zwischen Eltern und Betreuungsperson einen bedeutenden strukturellen Vorteil.
Dieser Vorteil entfaltet sich jedoch nicht automatisch.
Auch eine Kindertagespflegeperson muss in der Lage sein, ein Kind feinfühlig wahrzunehmen, seine Signale zu verstehen, seine Emotionen mitzutragen und ihm bei der Regulation von Stress zu helfen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, mit den Eltern eine tragfähige und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.
Denn eine gute Eingewöhnung hat nicht das Ziel, ein Kind von seinen Eltern zu lösen.
Ihr Ziel ist es, die bestehende sichere Bindung zu schützen und zu stärken und aus dieser Sicherheit heraus den Beziehungsraum des Kindes zu erweitern.
Die Eltern bleiben die sichere Basis des Kindes. Die Betreuungsperson tritt nicht an ihre Stelle, sondern kann zu einer weiteren vertrauten und verlässlichen Beziehungsperson werden.
Wenn Eltern sich verstanden und sicher fühlen, können sie ihrem Kind diesen neuen Beziehungsraum mit größerem Vertrauen eröffnen. Und wenn das Kind erlebt, dass seine Bindung zu den Eltern sicher bleibt, kann es sich neugierig einer neuen Umgebung und einem weiteren Menschen zuwenden.
Ein kleines Kind kann sich dann mutig, neugierig und zunehmend selbstständig der Welt öffnen, wenn es erfahren hat:
Meine Beziehungen tragen mich.
Ich darf mich entfernen, ohne jemanden zu verlieren.
Ich darf Neues entdecken und kann zurückkehren.
Da sind Menschen, die mich sehen, verstehen, schützen und mir helfen, wenn meine Gefühle noch zu groß für mich sind.

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