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Nicht loslassen, sondern verbunden bleiben -wenn Kindern der Übergang von den Eltern zur Betreuung schwerfällt

Autorenbild: Fernando Rueda
Fernando Rueda
2. Sept.
10 Min. Lesezeit

Es ist früher Morgen. Mama oder Papa bringen ihr Kind in die Kindertagespflege oder Kita. Die Räume sind vertraut, die anderen Kinder bekannt, auch die Betreuungsperson gehört längst zum Alltag.

Und trotzdem gibt es plötzlich diese Tage.

Das Kind klammert sich fest. Es möchte auf den Arm. Es weint oder beginnt bereits unruhig zu werden, sobald sich die morgendliche Situation verändert.

Für Eltern ist das schwer auszuhalten. Schnell entsteht die Frage:

Warum kann mein Kind nicht loslassen?

Vielleicht beginnt das Problem aber bereits mit dieser Formulierung.

Denn ein kleines Kind muss seine Eltern gar nicht loslassen.

Es braucht vielmehr die Erfahrung, dass seine Beziehung zu Mama und Papa bestehen bleibt, während gleichzeitig ein anderer vertrauter Mensch die unmittelbare Begleitung übernimmt.

Es geht nicht um Loslösung.

Es geht um Beziehungskontinuität.


Bindung ist ein biologisches Sicherheitssystem

Kleine Kinder können starke emotionale Zustände noch nicht so regulieren wie Erwachsene.

Wenn sie müde, erschrocken, überfordert oder unsicher sind, suchen sie deshalb die Nähe vertrauter Menschen. Stimme, Gesicht, Berührung, Geruch und die vertraute Art, wie ein Erwachsener reagiert, können dem kindlichen Organismus Sicherheit vermitteln.

Das ist nicht nur psychologisch, sondern auch neurobiologisch bedeutsam.

Bei Belastung werden verschiedene Stresssysteme des Körpers aktiviert. Dazu gehören das autonome Nervensystem und die sogenannte HPA-Achse, die unter anderem an der Ausschüttung des Stresshormons Cortisol beteiligt ist.

Ein kleines Kind reguliert solche Zustände zunächst wesentlich innerhalb von Beziehungen.

Wir sprechen von Co-Regulation.

Der Erwachsene bleibt verfügbar, nimmt wahr, reagiert, hält, begleitet und gibt Orientierung. Über viele solcher Erfahrungen entwickelt das Kind zunehmend eigene Möglichkeiten der Regulation.

Selbstregulation entsteht also nicht dadurch, dass Beziehung überflüssig wird.

Sie entwickelt sich innerhalb verlässlicher Beziehungen.


Von einer sicheren Beziehung in eine weitere sichere Beziehung

Genau deshalb ist die Eingewöhnung in eine Kindertagespflege oder Kita so bedeutsam.

Das Ziel kann nicht darin bestehen, dass ein Kind lernt:

„Jetzt muss ich ohne Mama und Papa zurechtkommen.“

Vielmehr sollte eine weitere Erfahrung entstehen:

„Auch hier gibt es einen Menschen, bei dem ich sicher sein kann.“

Die Beziehung zur Betreuungsperson ersetzt dabei nicht die Beziehung zu den Eltern.

Sie erweitert den Beziehungsraum des Kindes.

Mama bleibt Mama. Papa bleibt Papa.

Gleichzeitig entsteht eine weitere vertraute Beziehung zu einem Menschen, der das Kind trösten, begleiten und bei seiner Regulation unterstützen kann.

Das Kind bewegt sich deshalb im besten Fall nicht aus einer Beziehung heraus.

Es bewegt sich innerhalb eines Netzes sicherer Beziehungen.


Das Beziehungsdreieck

Damit verändert sich auch unser Blick auf einen schwierigen Morgen.

Wir sollten nicht ausschließlich fragen:

„Was ist mit diesem Kind los?“

Denn am Übergang sind mindestens drei Beziehungsebenen beteiligt:

Eltern ↔ Kind

Kind ↔ Betreuungsperson

Eltern ↔ Betreuungsperson

Gerade die dritte Beziehung wird häufig unterschätzt.

Für das Kind kann es von großer Bedeutung sein, wie Mama oder Papa der Betreuungsperson begegnen.

Vertrauen sie ihr?

Sprechen sie selbstverständlich miteinander?

Kann die Mutter erzählen, wie es ihrem Kind heute geht?

Kann der Vater Unsicherheiten offen ansprechen?

Erlebt das Kind zwei Erwachsene, die einander vertrauen und miteinander kooperieren?

Ein zwei- oder dreijähriges Kind versteht vielleicht noch nicht alle gesprochenen Worte. Aber es nimmt sehr viel von einer sozialen Situation wahr: Stimme, Mimik, Körperspannung, Nähe, Geschwindigkeit und die Art, wie Menschen miteinander umgehen.

Die Beziehung zwischen Eltern und Betreuungsperson kann deshalb zu einer Brücke werden, über die das Kind von einer unmittelbaren Beziehungssituation in die nächste gelangt.


Die Übergabe geschieht zwischen den Erwachsenen

Wenn einem Kind dieser Übergang gerade schwerfällt, müssen wir deshalb nicht zwangsläufig eine große Abschiedssituation zwischen Eltern und Kind herstellen.

Natürlich kann eine Mutter wahrnehmen und sagen:

„Ich sehe, dass du heute traurig bist.“

Damit erkennt sie das Gefühl ihres Kindes an.

Aber daraus muss nicht automatisch eine ausführliche Ankündigung folgen:

„Mama geht jetzt. Du musst hierbleiben. Mama kommt später wieder.“

Gerade bei einem Kind, dessen Bindungs- und Stresssystem bereits stark aktiviert ist, kann die wiederholte sprachliche Markierung der bevorstehenden Trennung zusätzliche Aufmerksamkeit auf genau das Ereignis richten, das ihm ohnehin schwerfällt.

Wir können einen anderen Weg versuchen.

Die Mutter wendet sich beispielsweise an die Betreuungsperson:

„Heute fällt ihm der Übergang schwer. Er braucht heute Morgen wahrscheinlich etwas mehr Nähe.“

Oder:

„Sie war heute schon zu Hause sehr anhänglich. Vielleicht braucht sie erst einmal etwas Zeit bei dir.“

Damit geschieht etwas Entscheidendes.

Die Mutter übergibt ihr Wissen über ihr Kind an einen anderen vertrauten Menschen.

Sie vermittelt durch ihr Verhalten:

Ich kenne mein Kind. Ich sehe seinen gegenwärtigen Zustand. Und ich vertraue darauf, dass du jetzt für es da bist.

Der eigentliche Abschied kann anschließend stärker auf der Erwachsenenebene stattfinden.

Ein Blick.

Ein „Bis später“.

Vielleicht noch eine kurze Information.

Dann geht Mama oder Papa.

Nicht heimlich.

Nicht als plötzliches Verschwinden.

Aber auch nicht als großes Ereignis, dessen emotionale Bewältigung nun vom Kind erwartet wird.

Die Erwachsenen übernehmen die Verantwortung für den Übergang.


Das Kind muss den Abschied nicht organisieren

Wir verlangen von kleinen Kindern manchmal unbewusst sehr viel:

„Sag Mama Tschüss.“

„Gib Papa noch einen Kuss.“

„Jetzt musst du Mama loslassen.“

„Mama muss jetzt arbeiten.“

„Nicht weinen, Mama kommt doch wieder.“

Das ist gut gemeint.

Doch damit wird das Kind zum aktiven Teilnehmer eines Abschieds, den es emotional noch gar nicht selbst organisieren kann.

Vielleicht können wir diese Situation anders denken.

Die Erwachsenen organisieren den Übergang. Das Kind darf Kind bleiben.

Es darf traurig sein.

Es darf protestieren.

Es darf Nähe suchen.

Und nun bekommt die Betreuungsperson die Möglichkeit, die unmittelbare Co-Regulation zu übernehmen.

Das Kind muss seine primäre Beziehung nicht beenden, damit eine sekundäre sichere Beziehung wirksam werden kann.

Genau das ist der entscheidende Unterschied.


Wenn sich Stress zwischen Menschen verstärkt

Das Beziehungsdreieck erklärt gleichzeitig, warum sich schwierige Übergänge manchmal von Tag zu Tag verstärken können.

Das Kind klammert.

Die Mutter bemerkt es und wird unsicher.

Das Kind nimmt ihre Anspannung wahr.

Es klammert stärker.

Die Mutter interpretiert das stärkere Klammern wiederum als Bestätigung:

Mein Kind kann mich heute wirklich nicht gehen lassen.

Sie bleibt länger.

Das Kind spürt, dass die Situation ungewöhnlich geworden ist. Seine Aktivierung steigt.

Am nächsten Morgen erinnern sich beide an diese Erfahrung.

Vielleicht beginnt die Anspannung bereits zu Hause:

Hoffentlich klappt es heute.

So kann eine Rückkopplung entstehen:

Unsicherheit des Kindes → Unsicherheit der Eltern → stärkere Aktivierung des Kindes → noch größere Unsicherheit der Eltern.

Hier geht es ausdrücklich nicht um Schuld.

Die Mutter verursacht nicht einfach die Angst ihres Kindes. Und das Kind manipuliert seine Mutter nicht.

Wir sehen vielmehr ein interpersonelles Regulationsgeschehen.

Stress kann sich innerhalb von Beziehungen verstärken.

Aber genau darin liegt auch eine große Chance:

Sicherheit kann sich ebenfalls innerhalb von Beziehungen übertragen.


Warum Kinder mit zwei oder drei Jahren plötzlich wieder stärker klammern können

Besonders interessant ist, dass verstärktes Klammern nicht nur zu Beginn einer Betreuung auftreten muss.

Manchmal kommt ein Kind bereits seit Monaten gerne – und plötzlich verändert sich etwas.

Gleichzeitig hören Eltern immer häufiger:

„Nein!“

„Ich!“

„Selber!“

Das Kind möchte selbst entscheiden, selbst essen, selbst laufen und seinen eigenen Willen durchsetzen. Wutanfälle können heftiger werden.

Und ausgerechnet dieses scheinbar immer selbstständigere Kind sucht plötzlich wieder verstärkt die Nähe von Mama oder Papa.

Das muss kein Widerspruch sein.

Im zweiten und dritten Lebensjahr entwickelt sich das Erleben des eigenen Selbst erheblich weiter.

Das Kind erlebt zunehmend:

Ich bin ich.

Es entwickelt eigene Vorstellungen, Wünsche und Absichten und versteht immer stärker, dass andere Menschen ebenfalls eigene Wünsche und Absichten besitzen.

Mit dieser zunehmenden Autonomie bekommt aber auch das Erleben von Getrenntsein eine neue Qualität.

Mama ist ein eigener Mensch.

Papa ist ein eigener Mensch.

Und ich bin ebenfalls ein eigener Mensch.

Das ist ein enormer Entwicklungsschritt.

Und er kann gleichzeitig faszinierend und verunsichernd sein.


Autonomie und Bindung gehören zusammen

Deshalb sehen wir in diesem Alter scheinbare Widersprüche.

Das Kind möchte alleine laufen – und kurz darauf getragen werden.

Es ruft „Selber!“ – und braucht Sekunden später Hilfe.

Es sagt „Nein!“ – und sucht anschließend Nähe.

Es entfernt sich – und kommt zurück.

Das ist kein Scheitern von Selbstständigkeit.

Es gehört zu ihrer Entwicklung.

Autonomie und Bindung sind keine Gegensätze.

Eine sichere Beziehung bildet vielmehr eine Basis, von der aus das Kind seine Umwelt erkunden kann.

Gerade große Entwicklungsschritte können deshalb zeitweise mit einem erhöhten Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit einhergehen.

Ein Kind, das plötzlich wieder stärker klammert, muss also nicht zwangsläufig einen Rückschritt machen.

Vielleicht geschieht gerade sehr viel Entwicklung.

Wichtig ist allerdings, daraus keine einfache Ursache-Wirkungs-Regel zu machen. Nicht jedes Klammern im zweiten oder dritten Lebensjahr entsteht durch die Entwicklung des Selbst. Müdigkeit, Krankheit, Veränderungen innerhalb der Familie, längere Betreuungspausen oder andere Belastungen können ebenso eine Rolle spielen.

Wir sollten deshalb beobachten, bevor wir erklären.


Entscheidend ist nicht, ob das Kind weint

Auch den Erfolg eines Übergangs sollten wir nicht allein daran messen, ob ein Kind weint.

Weinen ist zunächst Ausdruck eines inneren Zustandes.

Die interessantere Beobachtung beginnt danach:

Was geschieht mit dem Kind, wenn Mama oder Papa nicht mehr im Raum sind?

Kann es die Betreuungsperson annehmen?

Lässt es sich halten oder trösten?

Sinkt seine Anspannung?

Beginnt es irgendwann zu beobachten?

Wendet es sich den anderen Kindern zu?

Beginnt es zu spielen und seine Umgebung zu erkunden?

Dann erleben wir möglicherweise keine misslungene Trennung.

Wir erleben einen Regulationsprozess innerhalb einer anderen vertrauten Beziehung.

Das Kind hat seine Eltern nicht „losgelassen“.

Eine weitere Beziehung ist wirksam geworden.


Auch Eltern brauchen Sicherheit

Dabei sollten wir eine weitere Seite nicht vergessen.

Nicht nur Kinder benötigen Sicherheit.

Auch Eltern brauchen Vertrauen.

Stellen wir uns eine Mutter vor, die morgens ihr weinendes Kind übergibt und anschließend acht Stunden lang nichts mehr von ihm hört.

Ihr letztes Bild ist:

Mein Kind weint und möchte zu mir.

Vielleicht spielt dieses Kind fünf Minuten später bereits zufrieden.

Aber die Mutter weiß es nicht.

Am nächsten Morgen bringt sie möglicherweise genau diese Unsicherheit wieder mit.

Darum gehört für mich die Beziehung zwischen Eltern und Betreuungsperson unmittelbar zur pädagogischen Arbeit.

Gerade in schwierigen Phasen kann eine kurze Rückmeldung wertvoll sein:

„Er hat sich nach wenigen Minuten reguliert und spielt gerade mit den anderen Kindern.“

Damit stabilisieren wir nicht nur das Vertrauen der Eltern.

Wir stabilisieren das gesamte Beziehungsdreieck.


Wenn das Klammern dauerhaft sehr stark bleibt

Nicht jede Phase verstärkter Anhänglichkeit ist problematisch.

Entwicklungsschritte, Müdigkeit, Krankheit, Urlaub, Veränderungen innerhalb der Familie oder neue Erfahrungen können dazu führen, dass Kinder zeitweise mehr Sicherheit benötigen.

Trotzdem sollten wir aufmerksam werden, wenn ein Kind über längere Zeit bei nahezu jedem Übergang außergewöhnlich stark belastet erscheint.

Besonders dann, wenn es sich auch von einer vertrauten Betreuungsperson kaum regulieren lässt, über längere Zeit angespannt bleibt, kaum ins Spiel findet oder gleichzeitig deutliche Veränderungen beim Schlafen, Essen oder allgemeinen Verhalten auftreten.

Dann wäre die falsche Antwort:

„Da muss es eben durch.“

Aber ebenso wenig sollten wir normales kindliches Bindungsverhalten vorschnell pathologisieren.

Wir sollten gemeinsam beobachten:

Was hat sich verändert?

Wann beginnt die Anspannung?

Wie verläuft der gesamte Betreuungstag?

Kann die Betreuungsperson das Kind regulieren?

Wie tragfähig ist ihre Beziehung?

Was geschieht zu Hause?

Wie erleben die Eltern selbst den Morgen?

Und was passiert unmittelbar, nachdem sie gegangen sind?

Bei anhaltend sehr starker Belastung kann zusätzlich eine kinderärztliche oder entwicklungspsychologische Einschätzung sinnvoll sein.


Vielleicht sollten wir nicht mehr von „Trennung“ sprechen

Sprache beeinflusst, wie wir Situationen verstehen.

Wir sprechen von „Trennungssituationen“, von „Loslassen“ und davon, dass Kinder lernen müssten, „ohne Mama und Papa auszukommen“.

Vielleicht beschreibt das aber gar nicht das, was wir pädagogisch erreichen wollen.

Ich würde lieber von einem Übergang sprechen.

Denn die Beziehung zu den Eltern endet morgens an der Tür nicht.

Mama bleibt Mama.

Papa bleibt Papa.

Diese Beziehungen bleiben Teil der inneren Sicherheit des Kindes.

Was sich für einige Stunden verändert, ist vor allem, wer unmittelbar für das Kind verfügbar ist.

Wenn gleichzeitig eine tragfähige Beziehung zur Betreuungsperson besteht und das Kind erlebt, dass Eltern und Betreuungsperson miteinander verbunden sind und einander vertrauen, entsteht Beziehungskontinuität.

Das Kind muss seine Eltern nicht loslassen, um selbstständig zu werden.

Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.

Weil es nicht loslassen muss, kann es weitergehen.

Es kann seine Welt erweitern.

Es kann weiteren Menschen vertrauen.

Es kann sich entfernen und zurückkehren.

Und nach und nach kann daraus eine tiefe innere Erfahrung entstehen:

Ich kann ein eigener Mensch sein, ohne meine Verbundenheit zu verlieren.


Wissenschaftlicher Hintergrund

Die in diesem Beitrag beschriebene Sichtweise orientiert sich an Erkenntnissen der Bindungs-, Entwicklungs- und Stressforschung. Dabei muss zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der daraus abgeleiteten pädagogischen Praxis unterschieden werden.


Sichere Basis und weitere Bezugspersonen

Die Bindungsforschung beschreibt vertraute Bezugspersonen als „sichere Basis“. Von dieser Beziehung aus kann ein Kind seine Umwelt erkunden und bei Unsicherheit wieder Nähe und Unterstützung suchen.

Auch professionelle Betreuungspersonen können für kleine Kinder zunehmend sicherheitsgebende Funktionen übernehmen. Untersuchungen zum Eintritt in die Kindertagesbetreuung zeigen, dass sich bindungsbezogene Verhaltensweisen gegenüber Betreuungspersonen entwickeln und diese Beziehungen für Exploration und Regulation bedeutsam werden können.

Macagno, A. & Molina, P. (2024): Finding a secure base: Exploring children's attachment behaviors with professional caregivers during the first months of daycare. Infant Behavior and Development, 74, 101919.


Das „Caring Triangle“

Für die Grundidee dieses Artikels besonders interessant ist die Betrachtung des Übergangs als Beziehungsdreieck aus Kind, Eltern und professioneller Betreuungsperson.

Der Eintritt in die Betreuung ist damit nicht ausschließlich ein Prozess zwischen Kind und Erzieher. Eltern bleiben Bestandteil des Beziehungssystems, während die Betreuungsperson zunehmend unmittelbare Regulations- und Sicherheitsfunktionen übernehmen kann.

Diese Perspektive unterstützt die Überlegung, auch die Qualität der Beziehung und Kommunikation zwischen Eltern und Betreuungsperson als Bestandteil eines gelungenen Übergangs zu betrachten.

Drugli, M. B. et al. (2023): Untersuchung zum Übergang von der Familie in die Kindertagesbetreuung unter Einbeziehung von Eltern, professionellen Betreuungspersonen und Cortisolmessungen.


Stress und Co-Regulation

Bei Belastung werden körperliche Stresssysteme aktiviert. Responsive und verlässliche Beziehungen können kindliche Stressreaktionen abpuffern.

Kleine Kinder sind bei der Regulation solcher Zustände in besonderem Maße auf Erwachsene angewiesen. Wiederholte Erfahrungen gemeinsamer Regulation tragen dazu bei, dass sich im Laufe der Entwicklung zunehmend eigene Regulationsfähigkeiten herausbilden.

Weiterführend hierzu:

Center on the Developing Child at Harvard University: Forschung und Übersichtsarbeiten zu responsiven Beziehungen, frühkindlicher Gehirnentwicklung und Stressregulation.


Nicht jedes Weinen bedeutet schädlichen Stress

Eine kurzfristige Aktivierung des Stresssystems gehört zum menschlichen Leben und ist nicht automatisch problematisch.

Von besonderer Bedeutung sind Stärke, Dauer und Kontext einer Belastung sowie die Frage, ob unterstützende Beziehungen vorhanden sind.

Deshalb sollte morgendliches Weinen nicht automatisch als Zeichen schädlichen oder gar „toxischen“ Stresses interpretiert werden.

Pädagogisch wesentlich aussagekräftiger ist die Beobachtung, ob ein Kind anschließend innerhalb einer vertrauten Beziehung wieder Regulation, Spiel, Exploration und soziale Offenheit findet.


Selbstentwicklung im zweiten Lebensjahr

Die Entwicklung eines Selbst beginnt nicht erst mit zwei Jahren, sondern verläuft von Beginn an schrittweise. Im zweiten Lebensjahr werden jedoch neue Formen des bewussten Selbsterlebens sichtbar.

Ein häufig untersuchtes Merkmal ist die Selbsterkennung im Spiegel, die sich bei vielen Kindern im Bereich von ungefähr 18 bis 24 Monaten entwickelt.

Nielsen, M., Suddendorf, T. & Slaughter, V. (2006): Mirror self-recognition beyond the face. Child Development, 77(1), 176–185.

Stapel, J. C., van Wijk, I., Bekkering, H. & Hunnius, S. (2017): Eighteen-month-old infants show distinct electrophysiological responses to their own faces. Developmental Science.

Die Verbindung zwischen Selbstentwicklung und verstärktem Klammern ist jedoch keine einfache wissenschaftlich nachgewiesene Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie ist eine entwicklungspsychologische Perspektive: Autonomie, Selbstentwicklung und Bindungsbedürfnisse entwickeln sich gleichzeitig und können sich in dieser Lebensphase in scheinbar widersprüchlichem Verhalten zeigen.


Eine wichtige pädagogische Einordnung

Aus der Bindungs- und Stressforschung lässt sich nicht die allgemeine wissenschaftliche Regel ableiten:

„Eltern sollen sich morgens nicht von ihrem Kind verabschieden.“

Der hier beschriebene Umgang ist vielmehr eine pädagogische Überlegung für Situationen, in denen die wiederholte Inszenierung des Abschieds das Kind stark aktiviert.

Das Kind soll weder getäuscht werden noch sollen Eltern heimlich verschwinden.

Aber es muss die Trennung auch nicht selbst organisieren.

Eltern und Betreuungsperson können stattdessen bewusst ihre eigene Beziehung nutzen: Informationen austauschen, Vertrauen zeigen und gemeinsam dafür sorgen, dass die unmittelbare Verantwortung ruhig von einem Erwachsenen auf den anderen übergeht.

Vielleicht lässt sich die zentrale pädagogische Haltung dieses Beitrags deshalb in einem Satz zusammenfassen:

Nicht das Kind trägt die Verantwortung für das Loslassen. Die Erwachsenen tragen die Verantwortung für die Kontinuität seiner Beziehungen.

 
 
 

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