Kooperation statt Konkurrenz – Warum gemeinsames Lernen eine menschliche Stärke ist

Warum helfen kleine Kinder anderen? Warum versuchen sie gemeinsam Aufgaben zu lösen? Und warum ist Zusammenarbeit für die Entwicklung des Menschen überhaupt so bedeutsam?
In unserer Gesellschaft begegnen Kinder früh dem Vergleich. Wer kann schon sprechen? Wer läuft zuerst? Wer ist schneller, geschickter oder später in der Schule leistungsstärker?
Vergleiche können Orientierung geben. Problematisch wird es jedoch, wenn daraus ein Grundprinzip von Bildung entsteht: die Vorstellung, Menschen würden sich vor allem dadurch entwickeln, dass sie miteinander konkurrieren.
Die Evolutionsforschung zeichnet ein wesentlich komplexeres Bild.
Kooperation gehört zu unserer Entwicklungsgeschichte
Der Mensch ist körperlich vielen anderen Lebewesen unterlegen. Unsere besondere Stärke liegt woanders: Menschen können Wissen miteinander teilen, gemeinsame Ziele verfolgen, voneinander lernen und Erfahrungen über Generationen weitergeben.
Michael Tomasello beschreibt eine Besonderheit menschlicher Kooperation als geteilte Intentionalität: Wir können nicht nur selbst etwas wollen, sondern mit anderen ein gemeinsames Ziel entwickeln und unser Handeln darauf abstimmen.
Aus einem „Ich möchte etwas erreichen“ kann ein „Wir wollen etwas erreichen“ werden.
Diese Fähigkeit bildet eine Grundlage menschlicher Kultur.
Kein einzelner Mensch erfindet Sprache, Wissenschaft oder Technologie neu. Jede Generation beginnt mit dem Wissen der vorherigen und entwickelt es gemeinsam weiter.
Fortschritt ist deshalb immer auch ein Ergebnis von Kooperation.
Kinder wurden in Gemeinschaft groß
Auch die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy weist auf eine Besonderheit der menschlichen Evolution hin: die gemeinschaftliche Fürsorge für Kinder.
Menschenkinder benötigen außergewöhnlich lange Schutz und Begleitung. In menschlichen Gemeinschaften konnten neben den Eltern auch Großmütter, Verwandte und andere vertraute Menschen an ihrer Versorgung beteiligt sein.
Dieser Gedanke wird auch in der Wissenschaftsdokumentation Das Geheimnis der Urgroßmutter aufgegriffen.
Für ein Kind bedeutete das, schon früh mit unterschiedlichen Menschen Beziehungen aufzubauen, Signale zu verstehen und auf andere zu reagieren.
Die Fähigkeit, andere Menschen wahrzunehmen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, war damit nicht irgendeine zusätzliche soziale Kompetenz.
Sie konnte einen erheblichen Überlebensvorteil darstellen.
Empathie entwickelt sich in Beziehung
Menschen besitzen biologische Voraussetzungen für soziales Verhalten. Doch daraus folgt nicht, dass Empathie automatisch und unabhängig von Erfahrungen entsteht.
Kinder brauchen Beziehungen, in denen sie selbst Resonanz erfahren.
Ein Kind, das getröstet wird, erlebt, was Trost bedeutet.
Ein Kind, dessen Signale wahrgenommen werden, erlebt, dass Kommunikation Wirkung besitzt.
Ein Kind, das Hilfe erfährt, lernt etwas über gegenseitige Unterstützung.
Soziale Fähigkeiten wachsen im sozialen Miteinander.
Deshalb reicht es nicht, Kindern zu sagen:
„Ihr müsst miteinander teilen und freundlich zueinander sein.“
Viel bedeutsamer ist eine Umgebung, in der sie täglich erfahren können, was Kooperation bedeutet.
Was passiert, wenn Vergleich dominiert?
Wettbewerb ist nicht grundsätzlich schlecht.
Kinder messen sich miteinander, laufen um die Wette und wollen manchmal gewinnen. Auch das gehört zum menschlichen Verhalten und kann Freude bereiten.
Problematisch wird Wettbewerb dort, wo er zum dauerhaften Organisationsprinzip von Bildung wird.
Wenn Anerkennung davon abhängt, besser als andere zu sein, verändert sich die soziale Situation.
Der Erfolg des anderen kann dann zum eigenen Nachteil werden.
Kooperation funktioniert nach einem anderen Prinzip:
Der Erfolg des anderen kann auch mein Erfolg sein.
Ein Kind zeigt einem anderen, wie etwas funktioniert. Zwei Kinder tragen gemeinsam einen schweren Ast. Ein Kind entdeckt etwas und ruft die anderen hinzu.
Wissen wird dadurch nicht weniger.
Es vermehrt sich.
Kooperation bedeutet nicht Gleichmacherei
Kooperation verlangt nicht, dass alle Kinder dasselbe können.
Gerade unterschiedliche Fähigkeiten machen Zusammenarbeit interessant.
Ein Kind ist sprachlich sehr weit.
Ein anderes besitzt außergewöhnliches räumliches Verständnis.
Ein anderes beobachtet sehr genau.
Ein weiteres traut sich zuerst, etwas Neues auszuprobieren.
Eine kooperative Gemeinschaft versucht nicht, diese Unterschiede zu beseitigen.
Sie nutzt sie.
Das unterscheidet Kooperation fundamental von Kollektivismus.
Kooperation braucht Individualität.
Denn nur wer etwas Eigenes einbringen darf, kann etwas zum Gemeinsamen beitragen.
Eine Kompetenz für eine komplexe Zukunft
Diese Fähigkeit wird zunehmend bedeutsam.
Künstliche Intelligenz, Klimaveränderungen, globale Wirtschaftsbeziehungen und technologische Entwicklungen schaffen Probleme, die sich kaum innerhalb einzelner Fachgebiete oder durch einzelne Menschen lösen lassen.
Wir werden Menschen brauchen, die sehr unterschiedliche Dinge können – und die gleichzeitig in der Lage sind, ihr Wissen miteinander zu verbinden.
Deshalb sollte Bildung nicht nur fragen:
Was kann dieses Kind?
Sie sollte auch fragen:
Was kann dieses Kind gemeinsam mit anderen entwickeln?
Was bedeutet das für frühe Bildung?
Kooperation muss in der frühen Kindheit kein besonderes Lernprogramm sein.
Sie findet ohnehin jeden Tag statt.
Kinder bauen gemeinsam.
Sie helfen einander.
Sie streiten.
Sie versöhnen sich.
Sie warten aufeinander.
Sie beobachten andere Kinder und übernehmen deren Ideen.
Die Aufgabe der pädagogischen Fachkraft besteht nicht darin, jeden Konflikt sofort zu verhindern oder jede Situation zu organisieren.
Sie schafft einen sicheren Rahmen, in dem Kinder soziale Erfahrungen machen können, und unterstützt dort, wo ihre Möglichkeiten noch nicht ausreichen.
So entsteht Kooperation nicht als moralische Forderung.
Sie wird zu einer Erfahrung:
Gemeinsam können wir etwas, das einer allein vielleicht nicht geschafft hätte.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, wie wir Kinder möglichst früh auf eine Welt des Wettbewerbs vorbereiten.
Und häufiger darüber, wie wir jene Fähigkeit bewahren und entwickeln können, die Menschen seit Jahrtausenden miteinander verbindet:
die Fähigkeit, aus vielen unterschiedlichen Ichs ein gemeinsames Wir entstehen zu lassen.
Wissenschaftliche Grundlagen
- Tomasello, Michael (2010): Warum wir kooperieren.
- Tomasello, Michael: Forschungen zu geteilter Intentionalität und menschlicher Kooperation.
- Hrdy, Sarah Blaffer (2009): Mothers and Others: The Evolutionary Origins of Mutual Understanding.
- Bauer, Joachim: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren.
- Wissenschaftsdokumentation: Das Geheimnis der Urgroßmutter.

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