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Identität im Wandel? Was Kinder brauchen, um ein freies, soziales Ich zu entwickeln

Autorenbild: Fernando Rueda
Fernando Rueda
27. Aug.
10 Min. Lesezeit

Wer bin ich?

Diese scheinbar einfache Frage gehört zu den grundlegendsten Fragen menschlicher Entwicklung. Unsere Identität entsteht nicht mit einem Mal. Sie entwickelt sich aus Beziehungen, Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen, Entscheidungen und der Auseinandersetzung mit anderen Menschen.

Und sie verändert sich.

Ich bin heute nicht derselbe Mensch wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Trotzdem erlebe ich mich als derselbe Mensch. Genau diese Fähigkeit ist bemerkenswert: Wir können uns verändern, ohne uns dabei vollständig zu verlieren.

Eine stabile Identität darf deshalb nicht mit einer starren Identität verwechselt werden. Eine reife Identität muss beweglich sein können. Sie kann lernen, zweifeln, Positionen verändern und neue Erfahrungen integrieren.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Was hält all diese Veränderungen zu einem Ich zusammen?

Diese Frage bekommt in unserer Gegenwart eine neue Bedeutung.


Vom gesellschaftlichen Aufstieg des Individuums

Die westlichen Gesellschaften haben in den vergangenen Jahrhunderten eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen.

Menschen wurden zunehmend aus festgelegten sozialen Rollen, religiösen Vorgaben, Standesordnungen und traditionellen Lebensentwürfen herausgelöst. Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie stärkten die Vorstellung eines Individuums, das selbst denken, entscheiden und seinen eigenen Lebensweg gestalten darf.

Individualität wurde zu einer kulturellen Errungenschaft.

Auch die Pädagogik veränderte sich.

Das Kind wurde zunehmend als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen – nicht nur als unfertiger Erwachsener, der an gesellschaftliche Erwartungen angepasst werden muss.

Reformpädagogische Bewegungen, Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und später Erkenntnisse der Neurowissenschaften haben dieses Bild weiter verändert.

Das Kind besitzt eine eigene Perspektive.

Es besitzt eigene Bedürfnisse.

Es entwickelt eigene Interessen.

Und es braucht Freiheit, um sich die Welt selbst anzueignen.

Doch gerade diese Entwicklung scheint heute in ein neues Spannungsfeld zu geraten.


Das beschleunigte Ich

Menschen haben immer unterschiedliche soziale Rollen eingenommen.

Wir sind Kind unserer Eltern, Partner, Mutter oder Vater, Freund, Arbeitnehmer, Nachbar, Bürger und Mitglied verschiedener Gemeinschaften.

Die Psychologie beschäftigt sich unter anderem mit Social Identity Switching: Je nach sozialem Zusammenhang können unterschiedliche Seiten unserer Identität in den Vordergrund treten.

Das ist zunächst kein Problem.

Im Gegenteil.

Ein Mensch, der überall exakt gleich handelt, wäre nicht besonders autonom, sondern möglicherweise sozial erstaunlich unflexibel.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:

Wie viele Rollen besitzt ein Mensch?

Sondern:

Kann er diese unterschiedlichen Rollen als Teile eines zusammenhängenden Selbst erleben?

Und genau hier hat sich unsere Lebenswelt möglicherweise grundlegend verändert.


Wenn das Leben zum permanenten Wechsel wird

Unser Alltag ist zunehmend fragmentiert und eng getaktet.

Familie.

Arbeit.

Termine.

E-Mail.

Messenger.

Nachrichten.

Soziale Netzwerke.

Während wir mit unseren Kindern frühstücken, erreicht uns eine berufliche Nachricht.

Innerhalb weniger Sekunden wechseln wir gedanklich in unsere berufliche Rolle.

Dann erreicht uns eine Familiennachricht.

Dann eine politische Diskussion.

Dann Instagram.

Dann wieder Arbeit.

Die digitalen Medien haben viele der räumlichen und zeitlichen Grenzen zwischen unseren sozialen Welten durchlässig gemacht.

Neu ist deshalb vielleicht nicht die Vielzahl unserer Identitäten.

Neu ist die Geschwindigkeit ihrer Aktivierung.

Damit stellt sich eine bislang nur teilweise erforschte Frage:

Was geschieht mit einem Ich, das permanent zwischen unterschiedlichen sozialen Kontexten wechseln muss?


Die flüchtige Identität

Ich möchte dafür in diesem Beitrag einen Arbeitsbegriff verwenden:

die flüchtige Identität.

Damit ist ausdrücklich keine psychologische oder psychiatrische Diagnose gemeint.

Gemeint ist eine Identität, deren innere Kontinuität schwächer werden kann und die deshalb stärker auf wechselnde soziale Rückmeldungen, Rollen und Zugehörigkeiten angewiesen ist.

Die psychologische Forschung kennt einen verwandten Begriff: Self-Concept Clarity, die Klarheit des Selbstkonzepts.

Dabei geht es darum, wie klar, konsistent und über die Zeit relativ stabil die Vorstellungen eines Menschen darüber sind, wer er ist.

Interessanterweise zeigt die Forschung zu unterschiedlichen sozialen Identitäten gerade nicht, dass viele Rollen automatisch problematisch wären.

Entscheidend scheint vielmehr ihre Integration zu sein.

Ich kann Vater sein.

Pädagoge.

Freund.

Partner.

Bürger.

Und in jeder dieser Situationen etwas anders handeln.

Trotzdem kann ich erleben:

Das alles bin ich.

Problematisch könnte es dort werden, wo aus Flexibilität Fragmentierung wird:

Hier muss ich dieser sein.

Dort jener.

Online wieder jemand anderes.

Und irgendwann wird die Frage schwieriger:

Was davon bin eigentlich ich?


Identität braucht Erinnerung

An dieser Stelle bekommt das Gedächtnis eine Bedeutung, die weit über das Lernen von Informationen hinausgeht.

Wir brauchen Erinnerungen, um eine Vorstellung davon zu entwickeln, wer wir sind.

Was habe ich erlebt?

Was habe ich gelernt?

Welche Erfahrungen haben meine Überzeugungen verändert?

Was ist mir wichtig?

Was habe ich früher anders gesehen?

Unser Gehirn speichert dabei Erfahrungen nicht einfach wie Dateien auf einer Festplatte. Neues wird mit vorhandenem Wissen und früheren Erfahrungen verbunden, verändert und neu eingeordnet.

Identität braucht deshalb nicht nur Information.

Identität braucht Integration.

Das führt zu einer wichtigen Frage unserer digitalen Gegenwart:

Nicht nur:

Wie viele Informationen besitzen wir?

Sondern:

Wie viel Gelegenheit haben wir noch, Informationen mit unserem vorhandenen Wissen und unseren Erfahrungen zu verbinden?


Wenn Informationen schneller wechseln als Gedanken

Digitale Medien sind nicht grundsätzlich Gegner menschlicher Entwicklung.

Sie ermöglichen Kommunikation, Zugang zu Wissen, Kreativität und soziale Beziehungen in einem historisch einzigartigen Umfang.

Auch wissenschaftlich wäre die Behauptung falsch, Smartphones oder das Internet würden einfach unser Gedächtnis zerstören.

Es gibt jedoch beispielsweise das gut untersuchte Phänomen des Cognitive Offloading. Wir können kognitive Aufgaben an digitale Systeme auslagern. Wir müssen eine Information nicht unbedingt behalten, wenn wir wissen, wo wir sie jederzeit wiederfinden können.

Das kann sinnvoll und effizient sein.

Doch für Identitätsbildung stellt sich eine andere Frage:

Was geschieht mit der Verarbeitungstiefe?

Information.

Nachricht.

Video.

Kommentar.

Werbung.

Nächste Nachricht.

Nächstes Video.

Nächste Bewertung.

Bevor eine Erfahrung verarbeitet wurde, folgt bereits die nächste.

Vielleicht besteht eines der Probleme unserer digitalen Kultur deshalb weniger darin, dass wir zu wenig Informationen besitzen.

Vielleicht besitzen wir zu wenig ungestörte Zeit, um aus Informationen eigenes Wissen zu machen.


Das bewertete Ich

Soziale Medien bringen noch etwas hinzu.

Sie vermitteln nicht nur Informationen.

Sie geben uns ständig Informationen über uns selbst.

Likes.

Follower.

Kommentare.

Zustimmung.

Ablehnung.

Sichtbarkeit.

Reichweite.

Zugehörigkeit.

Die Forschung zu sozialen Medien und Identitätsentwicklung zeigt dabei kein einfaches Bild.

Nicht die bloße Bildschirmzeit entscheidet darüber, ob soziale Medien problematisch wirken. Die Art ihrer Nutzung scheint wesentlich zu sein.

Authentische Selbstdarstellung kann beispielsweise durchaus mit größerer Klarheit des Selbstkonzepts zusammenhängen. Permanenter sozialer Vergleich kann dagegen Identitätsunsicherheit und Belastungen begünstigen.

Damit verändert sich möglicherweise eine der zentralen Fragen der Identitätsbildung.

Neben:

Wer bin ich?

tritt immer stärker:

Wie werde ich gesehen?

Und wenn die Antwort auf die zweite Frage wichtiger wird als die Antwort auf die erste, verschiebt sich etwas Grundlegendes.

Die Kriterien dafür, wer ich bin, entstehen zunehmend außerhalb meiner selbst.


Wenn das Ich unsicher wird, wird das Wir verlockend

Hier bekommt die Frage politische Bedeutung.

Die Uncertainty-Identity Theory des Sozialpsychologen Michael Hogg untersucht einen bemerkenswerten Zusammenhang.

Unsicherheit darüber, wer man selbst ist, kann unter bestimmten Bedingungen die Identifikation mit eindeutig strukturierten Gruppen attraktiver machen.

Denn eine starke Gruppe bietet etwas, das ein unsicheres Ich sucht:

Orientierung.

Zugehörigkeit.

Normen.

Gewissheit.

Und schließlich eine Antwort auf die Frage:

Wer bin ich?

Die Antwort lautet:

Du bist einer von uns.

Die Komplexität individueller Identitätsbildung wird dadurch reduziert.

Ich muss nicht mehr alles selbst beurteilen.

Die Gruppe liefert Deutungen.

Sie liefert Werte.

Sie liefert Zugehörigkeit.

Und möglicherweise liefert sie irgendwann auch die Antwort auf eine weitere Frage:

Wer sind die anderen?


Wenn Zugehörigkeit durch Ausgrenzung entsteht

Menschen brauchen Gemeinschaft.

Das ist kein Defizit.

Im Gegenteil: Kooperation gehört wahrscheinlich zu den entscheidenden Fähigkeiten, die unsere Spezies so erfolgreich gemacht haben.

Das Problem ist deshalb nicht das Wir.

Entscheidend ist, wie dieses Wir konstruiert wird.

Eine offene, demokratische Gemeinschaft kann sagen:

Wir gehören zusammen, obwohl wir verschieden sind.

Eine kollektivistische Identität tendiert dagegen stärker zu einer Definition darüber, welche Merkmale die Mitglieder miteinander teilen.

Je enger diese Definition wird, desto bedeutsamer wird die Grenze:

Wer gehört dazu – und wer nicht?

Unter Bedingungen von Bedrohung, gesellschaftlicher Unsicherheit und politischer Instrumentalisierung kann diese Grenze immer stärker werden.

Wir und die Fremden.

Wir und die Eliten.

Wir und die Ungläubigen.

Wir und die Verräter.

Wir und die Feinde.

Die eigene Identität bekommt dadurch Klarheit.

Wir wissen, wer wir sind, weil wir wissen, wer die anderen sind.


Ausgrenzung nach außen – Konformität nach innen

Genau an diesem Punkt kann eine gefährliche Dynamik entstehen.

Je stärker die Zugehörigkeit zu einer Gruppe an bestimmte Überzeugungen oder Eigenschaften gebunden wird, desto problematischer kann Abweichung innerhalb der Gruppe erscheinen.

Wer widerspricht, gefährdet scheinbar die Einheit.

Kritik wird zu Illoyalität.

Aus:

„Wir denken unterschiedlich.“

kann werden:

„Du gehörst nicht mehr zu uns.“

Damit entstehen zwei Bewegungen gleichzeitig:

Ausgrenzung nach außen.

Konformitätsdruck nach innen.

Und genau diese Verbindung ist für eine demokratische Gesellschaft gefährlich.

Denn Demokratie braucht Menschen, die Widerspruch aushalten können.


Von der Identitätsunsicherheit zum autoritären Angebot

Eine unsichere Identität führt selbstverständlich nicht automatisch zu Autoritarismus.

Und eine starke Gruppenidentität führt nicht automatisch zum Totalitarismus.

Eine solche Behauptung wäre wissenschaftlich nicht haltbar.

Totalitäre Systeme benötigen Machtkonzentration, institutionelle Veränderungen, Propaganda, Unterdrückung der Opposition und spezifische historische Bedingungen.

Doch Forschung zu sozialer Identität, Selbstunsicherheit, Autoritarismus und Radikalisierung zeigt Mechanismen, die uns aufmerksam machen sollten.

Politische Angebote können besonders attraktiv werden, wenn sie gleichzeitig:

ein eindeutiges Wir versprechen,

Bedrohung beschwören,

einfache Erklärungen für komplexe Probleme liefern,

Außengruppen verantwortlich machen,

Konformität innerhalb der eigenen Gruppe verlangen

und starke Führung als Lösung präsentieren.

Dann wird Identität politisch instrumentalisierbar.

Und genau deshalb ist die Frage nach Identitätsentwicklung nicht nur eine psychologische Frage.

Sie ist auch eine Frage der Demokratie.


Und hier beginnt der pädagogische Auftrag

Wenn wir diese Entwicklung ernst nehmen, müssen wir eine ungewöhnliche Frage stellen:

Was kann frühe Pädagogik damit zu tun haben?

Natürlich kann keine Kindertagesstätte verhindern, dass ein Mensch dreißig Jahre später populistisch, extremistisch oder autoritär denkt.

Pädagogik darf auch nicht versuchen, Kindern die politisch „richtige“ Identität zu vermitteln.

Gerade das widerspräche einer freiheitlichen Pädagogik.

Ihre Aufgabe ist grundlegender:

Sie kann Bedingungen schaffen, unter denen ein Kind zunehmend die Fähigkeit entwickelt, eine eigene Identität zu bilden.

Und diese Entwicklung beginnt erstaunlich früh.


Bevor ich mich verstehe, muss ich verstanden werden

Ein kleines Kind besitzt noch keine reflektierte Vorstellung davon, wer es ist.

Aber es erlebt.

Angst.

Freude.

Wut.

Nähe.

Frustration.

Neugier.

Überforderung.

Ein feinfühliger Erwachsener hilft, diese Zustände zu regulieren und ihnen Bedeutung zu geben.

Das Kind wird wahrgenommen.

Getröstet.

Beruhigt.

Verstanden.

Aus Sicht von Bindungsforschung und interpersoneller Neurobiologie können solche wiederkehrenden Erfahrungen wichtige Grundlagen für spätere Selbstregulation schaffen.

Vereinfacht:

Bevor ein Kind sich selbst verstehen kann, wird es verstanden.

Bevor es sich selbst beruhigen kann, wird es beruhigt.

Bevor es Sicherheit in sich trägt, erlebt es Sicherheit in Beziehung.

Aus Co-Regulation kann zunehmend Selbstregulation entstehen.

Aus:

„Du verstehst mich.“

wird allmählich:

„Ich verstehe mich.“

Und darin liegt eine der Grundlagen späterer Identität.


Ich kann etwas bewirken

Doch ein Kind muss nicht nur verstanden werden.

Es muss handeln dürfen.

Es muss ausprobieren.

Scheitern.

Wiederholen.

Entscheiden.

Eigene Lösungen finden.

Damit entsteht eine zweite fundamentale Erfahrung:

Ich kann etwas bewirken.

Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, einem Kind ständig zu sagen, wie großartig es ist.

Es bedeutet, ihm reale Erfahrungen der eigenen Handlungsfähigkeit zu ermöglichen.

Aus:

„Du bist da und hilfst mir.“

kann werden:

„Ich kann es selbst versuchen.“

Damit entsteht eine innere Orientierung, die nicht ausschließlich von der Bewertung anderer abhängig ist.


Ich darf Nein sagen

Auch das Nein eines kleinen Kindes besitzt in diesem Zusammenhang Bedeutung.

Es markiert eine Grenze:

Du bist du. Ich bin ich.

Natürlich kann ein kleines Kind nicht über alles entscheiden. Erwachsene tragen Verantwortung.

Aber es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen:

„Dein Nein interessiert mich nicht.“

und:

„Ich sehe dein Nein. Trotzdem muss ich diese Entscheidung gerade treffen.“

Im zweiten Fall bleibt die Perspektive des Kindes bestehen.

Das Kind erlebt:

Ich darf eine eigene Position besitzen, auch wenn sie sich nicht immer durchsetzt.

Das ist eine frühe Grundlage von Autonomie.


Kinder brauchen unverplante Zeit

Wenn Identität Integration benötigt, bekommt Zeit plötzlich eine pädagogische Bedeutung.

Kinder brauchen nicht permanent neue Angebote.

Sie brauchen Wiederholung.

Freies Spiel.

Lange Spielprozesse.

Geschichten.

Gespräche.

Naturerfahrungen.

Rituale.

Und manchmal Langeweile.

Sie brauchen Situationen, in denen eine Erfahrung nicht sofort von der nächsten verdrängt wird.

Vielleicht sollten wir deshalb auch pädagogische Qualität neu betrachten.

Nicht:

Wie viele Angebote haben wir heute gemacht?

Sondern:

Wie viel Gelegenheit hatten die Kinder, ihre Erfahrungen selbst zu vertiefen?

Denn:

Nicht die Menge der Erfahrungen bildet Identität, sondern die Möglichkeit, Erfahrungen miteinander zu verbinden.

In einer beschleunigten Welt könnte deshalb eine überraschend moderne Aufgabe von Pädagogik darin bestehen, Zeit gegen Taktung zu verteidigen.


Ich darf anders sein und trotzdem dazugehören

Und schließlich braucht ein Kind Gemeinschaft.

Aber nicht irgendeine Gemeinschaft.

Nicht:

Passe dich an, damit du dazugehören darfst.

Sondern:

Du darfst anders sein und gehörst trotzdem zu uns.

Kinder erleben andere Bedürfnisse.

Andere Temperamente.

Andere Ideen.

Andere Interessen.

Sie streiten.

Sie widersprechen.

Sie warten.

Sie helfen.

Sie kooperieren.

Sie suchen Lösungen.

Damit kann eine Erfahrung entstehen, die für eine demokratische Gesellschaft fundamental ist:

Wir sind ein Wir, obwohl wir verschieden sind.

Das freie Ich und das soziale Wir sind deshalb keine Gegensätze.

Im Gegenteil.

Vielleicht ist genau das die Entwicklungsaufgabe:

ein Ich zu werden, das stark genug ist, sich mit anderen zu verbinden, ohne sich selbst aufzugeben.


Nicht Anpassung – Identität

Damit bekommt frühe Bildung eine gesellschaftliche Dimension.

Eine demokratische Pädagogik sollte nicht festlegen, welche Identität ein Kind entwickeln soll.

Sie sollte Bedingungen schaffen, unter denen ein Mensch überhaupt die Fähigkeit entwickelt, eine eigene Identität zu bilden.

Dazu braucht es Beziehung und Autonomie.

Sicherheit und Freiheit.

Wissen und eigenes Denken.

Erinnerung und Zeit.

Individualität und Kooperation.

Zugehörigkeit und Widerspruch.

Das Ziel kann weder das isolierte Ich noch das angepasste Mitglied eines Kollektivs sein.

Es geht um etwas Drittes:

das freie, soziale Ich.

Einen Menschen, der irgendwann sagen kann:

Ich kann mich selbst wahrnehmen.

Ich kann meine Gefühle einordnen.

Ich weiß, was ich erlebt habe.

Ich kann etwas bewirken.

Ich kann Informationen mit meinem Wissen verbinden.

Ich kann meine Überzeugungen begründen.

Ich kann meine Meinung verändern.

Ich kann dazugehören.

Ich kann kooperieren.

Und ich kann meiner eigenen Gruppe widersprechen.


Vielleicht beginnt Demokratie im Kinderzimmer

Wir sprechen über die Gefährdung demokratischer Gesellschaften meistens erst dort, wo sie politisch sichtbar wird.

Bei Wahlen.

Bei Populismus.

Bei Radikalisierung.

Bei gesellschaftlicher Polarisierung.

Vielleicht beginnt die Frage aber sehr viel früher:

Welche Menschen können eine freie Gesellschaft überhaupt tragen?

Demokratie braucht Menschen, die selbstständig urteilen und trotzdem kooperieren können.

Menschen, die Zugehörigkeit erleben können, ohne andere dafür ausgrenzen zu müssen.

Menschen, deren Identität Veränderung aushält.

Menschen, die Widerspruch nicht als Angriff auf ihre Existenz erleben.

Und Menschen, die Teil eines Wir sein können, ohne ihr eigenes Urteil an dieses Wir abzugeben.

Vielleicht beginnt die Widerstandsfähigkeit einer demokratischen Gesellschaft deshalb tatsächlich in unseren Beziehungen zu Kindern.

Dort, wo ein Kind erfahren darf:

Ich werde gesehen.

Ich werde verstanden.

Ich kann etwas bewirken.

Ich darf Nein sagen.

Ich darf anders sein.

Und trotzdem gehöre ich dazu.

Das garantiert keine demokratische Persönlichkeit.

Aber vielleicht entstehen hier einige ihrer wichtigsten Voraussetzungen.

Denn eine freie Gesellschaft braucht keine Menschen ohne Gemeinschaft.

Sie braucht Menschen, die Gemeinschaft gestalten können.

Menschen, die ein Wir bilden können, ohne ihr Ich darin aufzugeben – und deren Ich stark genug ist, auch dem eigenen Wir zu widersprechen.


Wissenschaftliche Einordnung

Dieser Beitrag verbindet Ergebnisse verschiedener Forschungsfelder mit einer daraus entwickelten gesellschaftlich-pädagogischen These. Der Begriff „flüchtige Identität“ wird hier als eigener Arbeitsbegriff verwendet und bezeichnet keine etablierte klinische oder neurowissenschaftliche Diagnose.

Wichtige wissenschaftliche Bezugspunkte sind die Bindungsforschung von John Bowlby und Mary Ainsworth, die Arbeiten Daniel J. Siegels zur interpersonellen Neurobiologie, Albert Banduras Konzept der Selbstwirksamkeit, die Forschung zu Self-Concept Clarity und Identitätsintegration sowie Michael A. Hoggs Uncertainty-Identity Theory und die sozialpsychologische Forschung von Henri Tajfel und John Turner zur sozialen Identität.

Die Forschung zu digitalen Medien erlaubt derzeit nicht die Behauptung, häufiges Identity Switching oder digitale Medien würden zwangsläufig eine instabile Identität erzeugen. Gut begründbar ist dagegen die Frage, wie permanenter sozialer Vergleich, externe Rückmeldung, kognitive Auslagerung, häufige Kontextwechsel und fehlende Zeiten der Integration Prozesse der Identitätsentwicklung beeinflussen können.

Ebenso führt Identitätsunsicherheit nicht zwangsläufig zu Kollektivismus, Autoritarismus oder Totalitarismus. Forschung zeigt jedoch, dass Selbstunsicherheit unter bestimmten Bedingungen die Attraktivität klar strukturierter Gruppenidentitäten erhöhen kann.

Gerade deshalb erscheint die Frage pädagogisch relevant:

Was braucht ein Kind heute, damit es sich verändern kann, ohne sich selbst zu verlieren – und dazugehören kann, ohne sein eigenes Urteil aufzugeben?

 
 
 

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