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Ich möchte mein Kind eigentlich früher abholen.Über das schlechte Gefühl, lange Betreuungszeiten und die Frage, was ein vollständiger Betreuungstag für mein Kind bedeuten kann

Autorenbild: Fernando Rueda
Fernando Rueda
4. Sept.
13 Min. Lesezeit

„Ich möchte mein Kind lieber mittags abholen. Schließlich möchte ich selbst noch möglichst viel Zeit mit meinem Kind verbringen.“

Diesen Wunsch höre ich von Eltern immer wieder. Und hinter ihm steht etwas sehr Wertvolles: Eltern möchten am Leben ihres Kindes teilhaben. Sie möchten gemeinsame Zeit erleben, Nähe aufbauen und jene kleinen Augenblicke miteinander teilen, aus denen Familie entsteht.

Gerade die ersten Lebensjahre erscheinen uns kostbar. Kinder verändern sich unglaublich schnell. Der Wunsch, möglichst viel von dieser Zeit gemeinsam zu erleben, ist deshalb nicht nur nachvollziehbar – diese gemeinsame Familienzeit ist selbst ein wichtiger Teil kindlicher Entwicklung.

Der Gedanke liegt deshalb nahe: Je weniger Zeit mein Kind in der Kindertagespflege oder Kita verbringt, desto mehr Zeit bleibt uns als Familie.

Doch neben dieser vollkommen berechtigten Perspektive der Eltern gibt es noch eine zweite Perspektive, die sich zu betrachten lohnt:

Wie erlebt eigentlich das Kind seinen Tag?

Denn ein kürzerer Betreuungstag bedeutet aus Sicht eines kleinen Kindes nicht zwangsläufig einen ruhigeren oder bindungsorientierteren Tag.

Es geht deshalb nicht darum, Elternzeit und Betreuungszeit gegeneinander abzuwägen. Vielmehr können wir versuchen zu verstehen, welcher Rhythmus beiden Lebenswelten des Kindes gerecht wird.



Kinder erleben Zeit anders

Wir Erwachsenen denken unseren Alltag häufig in Uhrzeiten.

8 Uhr bringen.12 Uhr abholen.Mittagessen.Nach Hause fahren.Vielleicht einkaufen.Geschwister abholen.Nachmittag gemeinsam verbringen.

Für ein kleines Kind besteht ein Tag jedoch weniger aus Uhrzeiten als aus Zuständen, Beziehungen, Rhythmen und Übergängen.

Am Morgen geschieht dabei bereits ein großer Übergang: Das Kind wechselt aus seiner familiären Lebenswelt in die Welt der Kindertagespflege oder Kita.

Es verlässt dabei einen Ort von großer Vertrautheit und seine wichtigsten Bezugspersonen. Gerade weil diese Beziehung so bedeutsam ist, braucht der Wechsel in eine andere vertraute Lebenswelt Zeit.

Auch bei einem gut eingewöhnten Kind bleibt es ein Wechsel. Andere Menschen sind da, andere Kinder, andere Abläufe und eine andere soziale Situation.

Das Kind orientiert sich. Es nimmt Kontakt zu seiner Betreuungsperson auf, findet seinen Platz in der Gruppe und bewegt sich allmählich aus der Sicherheit dieser Beziehung heraus in die Exploration.

Erst dann beginnt häufig das wirklich freie Spiel.

Ankommen ist deshalb mehr als das Betreten eines Raumes. Es ist ein Prozess.

Und Prozesse brauchen Zeit.

Ein Betreuungstag besteht aus Zyklen

Vielleicht hilft es deshalb, einen Betreuungstag nicht ausschließlich als eine bestimmte Anzahl von Stunden zu betrachten.

Ein Kind kommt an.

Es orientiert sich.

Es findet Sicherheit.

Es beginnt zu spielen.

Es vertieft sich.

Es begegnet anderen Kindern.

Es erlebt Freude und Frustration.

Vielleicht entsteht ein Konflikt.

Es sucht wieder Nähe.

Es wird begleitet.

Es beruhigt sich.

Es isst.

Es wird müde.

Es kommt zur Ruhe.

Vielleicht schläft es.

Es wacht wieder auf.

Es orientiert sich erneut.

Es begegnet seiner Gruppe wieder.

Es spielt weiter.

Und irgendwann beginnt der Übergang zurück in die Familie.

Natürlich verläuft nicht jeder Tag genauso. Und jedes Kind besitzt seinen eigenen Rhythmus.

Aber daran wird etwas deutlich:

Kindliche Entwicklung geschieht häufig in Bögen und Zyklen – nicht in einzelnen Programmpunkten.

Ein vollständiger Betreuungstag kann dem Kind die Möglichkeit geben, mehrere dieser Bögen innerhalb derselben vertrauten Umgebung zu erleben.


Auch das Nervensystem braucht Zeit

Ein kleines Kind befindet sich im Laufe eines Tages nicht ständig im gleichen inneren Zustand.

Es gibt Phasen hoher Aktivität und Phasen der Ruhe. Intensives Spiel wechselt mit Rückzug. Soziale Begegnungen können aufregend sein. Konflikte können starke Gefühle hervorrufen. Neues kann faszinieren und gleichzeitig anstrengend sein.

Ein guter Betreuungstag gibt deshalb nicht nur Raum für Aktivität.

Er gibt auch Raum für das Danach.

Nach Aufregung darf Beruhigung kommen.

Nach intensivem Spiel darf Ruhe folgen.

Nach einem Konflikt darf Wiederannäherung entstehen.

Nach dem Essen darf der Körper herunterfahren.

Nach dem Schlaf darf das Kind langsam wieder in die Gemeinschaft hineinfinden.

Diese Phasen sind keine Leerzeiten zwischen den „eigentlichen“ pädagogischen Angeboten.

Sie gehören zum Entwicklungsprozess selbst.

Gerade kleine Kinder sind dabei noch stark auf Co-Regulation angewiesen. Vertraute Erwachsene, wiederkehrende Abläufe und vorhersehbare Rhythmen unterstützen sie dabei, zwischen Aktivierung und Ruhe zu wechseln.

Dabei beginnt diese Fähigkeit zur Regulation natürlich nicht erst in der Betreuung. Ihre wichtigste Grundlage entsteht in den frühen Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern und anderen primären Bezugspersonen. Die vertraute pädagogische Bezugsperson kann daran anknüpfen und dem Kind auch außerhalb der Familie Sicherheit anbieten.

Regulation braucht Beziehung – und Regulation braucht Zeit.


Übergänge gehören zum Leben – aber auch sie brauchen Zeit

Am Morgen hat das Kind bereits einen großen Übergang erlebt: von der Familie in die Betreuung.

Irgendwann folgt der zweite große Wechsel:

von der Betreuung zurück in die Familie.

Und dieser Übergang besitzt eine besondere Qualität.

Das Kind kehrt zu seinen wichtigsten vertrauten Menschen zurück. Es begegnet Mutter oder Vater wieder, bringt seinen Tag mit und findet zurück in seine familiäre Welt.

Diese Wiederbegegnung kann mit großer Freude, manchmal aber auch mit Müdigkeit, Nähebedürfnis oder starken Gefühlen verbunden sein.

Deshalb kann es sinnvoll sein, beim Zeitpunkt des Abholens nicht ausschließlich auf die Uhr zu schauen, sondern auch auf den Prozess des Kindes.

Hat es gerade erst wirklich in sein Spiel gefunden?

Liegt ein aufregender Vormittag hinter ihm?

Ist es gerade auf dem Weg in eine Ruhephase?

Hat es einen Konflikt erlebt, dessen soziale und emotionale Nachwirkungen noch nicht abgeschlossen sind?

Oder ist gerade tatsächlich ein natürlicher Abschnitt seines Tages zu Ende gegangen?

Das bedeutet keineswegs, dass frühes Abholen falsch ist.

Im Gegenteil: Ein früher gemeinsamer Nachmittag kann für ein Kind etwas sehr Wertvolles sein.

Die Frage lautet vielmehr:

Wann gelingt der Übergang aus der einen vertrauten Lebenswelt in die andere besonders gut?

Manche Kinder wechseln sehr leicht. Andere benötigen dafür mehr Zeit und Begleitung.

Gerade deshalb lohnt es sich, Betreuungszeiten individuell und aus der Perspektive des Kindes und seiner Familie zu betrachten.


Entschleunigung braucht lange Zeiträume

Besonders deutlich wird das für mich im Wald.

Wenn wir mit Kindern draußen sind, entsteht etwas, das in unserem durchgetakteten Erwachsenenleben immer seltener geworden ist:

Es muss zunächst einmal gar nichts passieren.

Ein Stock kann lange interessant sein. Eine Pfütze ebenso. Ein Käfer, Erde, ein Baumstamm oder das Geräusch des Windes können ein Kind lange beschäftigen.

Vielleicht beginnt ein Kind allein.

Ein anderes kommt hinzu.

Eine gemeinsame Idee entsteht.

Sie verändert sich.

Die Kinder entfernen sich voneinander und finden später wieder zusammen.

Von außen betrachtet ist vielleicht gar nicht besonders viel passiert.

Für das Kind ist sehr viel passiert.

Es hat selbst gestaltet.

Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Gedanke der Slow Pädagogik.

Entschleunigung bedeutet nicht, mit Kindern möglichst wenig zu tun.

Sie bedeutet, ihnen genügend Zeit zu geben, damit aus einer sicheren Beziehung heraus eigene Aktivität entstehen kann.

Das Kind muss nicht permanent beschäftigt werden.

Es braucht Erwachsene, die ihm ermöglichen, selbst beschäftigt zu sein.

Und dafür braucht es ungeteilte Zeit.


Der Mittagsschlaf: Ruhe, Verarbeitung und ein neuer Anfang

Zu einem solchen Tagesrhythmus gehört nicht nur das aktive Spiel.

Gerade nach einem intensiven Vormittag mit Bewegung, Naturerfahrungen, Spiel, sozialen Begegnungen und vielleicht auch Konflikten braucht ein kleines Kind Phasen, in denen weniger neue Anforderungen von außen auf es einwirken.

Das gemeinsame Mittagessen kann diesen Wechsel bereits einleiten.

Die Gruppe wird ruhiger. Die Aktivität nimmt ab. Vertraute Rituale wiederholen sich. Das Kind muss nicht sofort in eine neue Lebenswelt wechseln, sondern darf innerhalb derselben vertrauten Umgebung zur Ruhe kommen.

Für Kinder, die entwicklungsbedingt noch einen Mittagsschlaf benötigen, bekommt dieser Abschnitt eine besondere Bedeutung.

Denn während des Schlafes geschieht keineswegs „nichts“.

Die Schlafforschung zeigt, dass Tagschlaf in der frühen Kindheit die Konsolidierung von Erinnerungen unterstützen kann. Erfahrungen und neu erworbene Informationen werden während des Schlafes weiterverarbeitet und im Gedächtnis stabilisiert. Auch für emotionale Erinnerungen gibt es Hinweise darauf, dass der Mittagsschlaf Teil eines Verarbeitungsprozesses sein kann.

Deshalb wäre es zu einfach zu sagen:

Im Mittagsschlaf wird der Vormittag abgeschlossen.

Treffender ist:

Der Schlaf eröffnet dem kindlichen Gehirn einen Zeitraum, in dem zuvor gemachte Erfahrungen weiterverarbeitet werden können, während deutlich weniger neue Anforderungen und Eindrücke hinzukommen.

Ein Kind hat am Vormittag vielleicht einen intensiven Waldtag erlebt.

Es hat etwas entdeckt.

Es hat gespielt.

Es hat mit anderen Kindern verhandelt.

Es hat gestritten.

Es wurde getröstet.

Es hat sich wieder angenähert.

Es hat unzählige Geräusche, Bewegungen, Berührungen, Gefühle und soziale Situationen erlebt.

Und danach folgt nicht sofort die nächste Lebenswelt.

Es folgt zunächst:

Ruhe.

Und für viele kleine Kinder:

Schlaf.


Auch Schlaf gehört zur Gemeinschaft

Dabei ist der Mittagsschlaf nicht nur ein individueller körperlicher Vorgang.

Er ist auch eingebettet in den Rhythmus der Gruppe.

Die Kinder essen gemeinsam.

Sie werden gemeinsam ruhiger.

Sie ziehen sich zurück.

Sie schlafen in einer vertrauten Umgebung und mit vertrauten Menschen in ihrer Nähe.

Später wachen sie wieder auf.

Das eine früher, das andere später.

Vielleicht braucht ein Kind zunächst noch Nähe zur Betreuungsperson. Ein anderes beobachtet erst einmal.

Langsam finden die Kinder wieder in ihre Umgebung und zueinander.

Beim anschließenden Vesper begegnet sich die Gruppe in einem anderen Zustand als am Vormittag.

So entsteht ein ganzer Tagesbogen:

Ankommen → Exploration → Spiel → soziale Begegnung → Aktivität → Essen → Ruhe → Schlaf → Erwachen → erneute Begegnung.

Gerade solche wiederkehrenden Rhythmen können Kindern Orientierung und Vorhersehbarkeit geben.

Und darin liegt eine besondere Qualität eines vollständigen Betreuungszyklus.


Vom Mittagsschlaf zur Wiederbegegnung mit den Eltern

Der Mittagsschlaf liegt außerdem zwischen zwei sehr unterschiedlichen Abschnitten des Tages.

Hinter dem Kind liegt ein Vormittag voller Erfahrungen.

Vor ihm liegt irgendwann der nächste große Übergang:

die Rückkehr in die Familie.

Die Ruhe- und Schlafphase kann dazwischen einen wertvollen zeitlichen Puffer bilden.

Das bedeutet nicht, dass nach dem Mittagsschlaf alle Konflikte verarbeitet und alle emotionalen Prozesse abgeschlossen wären. So eindeutig funktioniert kindliche Verarbeitung nicht.

Aber das Kind hatte Gelegenheit, nicht unmittelbar von einem intensiven Vormittag in die nächste Lebenswelt wechseln zu müssen.

Es hat gegessen.

Es durfte zur Ruhe kommen.

Vielleicht hat es geschlafen.

Es ist in derselben vertrauten Umgebung wieder aufgewacht.

Es konnte sich erneut orientieren und wieder in Kontakt mit seiner Gruppe kommen.

Erst danach folgt irgendwann die Wiederbegegnung mit Mutter oder Vater.

Und vielleicht ist gerade das ein schöner Gedanke: Ruhe und Schlaf stehen nicht zwischen Kind und Eltern. Sie können Teil der Vorbereitung auf ihre Wiederbegegnung sein.

Das Kind kommt nicht nur aus einem Vormittag voller Aktivität zurück. Es hatte Gelegenheit zu ruhen, Erlebtes weiterzuverarbeiten und sich anschließend wieder seiner Umwelt zuzuwenden.

Ob und wie sehr dies einem einzelnen Kind den anschließenden Übergang erleichtert, ist individuell.

Aber als pädagogischer Gedanke erscheint mir wichtig:

Zwischen zwei großen Lebenswelten darf Zeit liegen.

Zeit zum Erleben.

Zeit zum Ruhen.

Zeit zum Verarbeiten.

Und Zeit, wieder offen für das zu werden, was als Nächstes kommt.


Gemeinschaft braucht gemeinsam gelebte Zeit

Eine Kindergruppe entsteht nicht dadurch, dass mehrere Kinder gleichzeitig in einem Raum sind.

Gemeinschaft entsteht durch gemeinsam gelebten Alltag.

Wir essen zusammen.

Wir ziehen uns gemeinsam an.

Wir gehen hinaus.

Wir warten aufeinander.

Wir lachen.

Wir streiten.

Wir helfen.

Wir beobachten uns.

Wir werden müde.

Wir ruhen.

Wir schlafen.

Wir wachen wieder auf.

Wir begegnen uns neu.

Aus diesen vielen kleinen Erfahrungen entsteht allmählich etwas, das sich kaum planen lässt:

Zugehörigkeit.

Ein Kind kennt irgendwann nicht mehr lediglich die Namen der anderen Kinder.

Es weiß, wie sie reagieren.

Es entwickelt Erwartungen, Sympathien, Freundschaften und eigene Strategien des Zusammenlebens.

Dafür braucht es nicht möglichst viele pädagogische Angebote.

Es braucht gemeinsame Lebenszeit.


Besonders Konflikte brauchen ein Danach

Ein Aspekt erscheint mir dabei besonders wichtig.

Wir betrachten einen Konflikt zwischen Kindern häufig als einzelnes Ereignis.

Zwei Kinder möchten denselben Gegenstand.

Eines nimmt ihn weg.

Das andere weint.

Ein Erwachsener begleitet die Situation.

Irgendwann beruhigen sich die Kinder.

Aber damit ist der soziale Prozess nicht unbedingt beendet.

Interessant ist auch das Danach.

Vielleicht begegnen sich dieselben Kinder eine halbe Stunde später wieder.

Vielleicht sitzen sie plötzlich nebeneinander.

Vielleicht bringt eines dem anderen etwas.

Vielleicht spielen sie wieder miteinander.

Damit macht das Kind eine wichtige soziale Erfahrung:

Eine Beziehung kann einen Konflikt aushalten.

Nach Erregung kann Entspannung kommen.

Nach Distanz kann wieder Nähe entstehen.

Nach einem Streit können wir wieder miteinander spielen.

Das lässt sich einem kleinen Kind kaum erklären.

Es muss es erleben.

Und dafür braucht das Kind nach einem Konflikt noch Zeit in derselben sozialen Welt.


Und was geschieht nach dem Abholen?

Bei der Frage nach dem Zeitpunkt des Abholens lohnt sich noch ein weiterer Blick.

Denn auch Mutter oder Vater kommen beim Abholen aus ihrem eigenen Tag.

Vielleicht aus der Arbeit.

Vielleicht von einem Termin.

Vielleicht vom Einkaufen.

Vielleicht gab es einfach vieles zu organisieren.

Eltern leisten jeden Tag eine enorme Zahl kleiner Übergänge, Entscheidungen und organisatorischer Aufgaben – häufig mit dem Wunsch, anschließend möglichst wirklich für ihr Kind da zu sein.

Wenn Eltern ihr Kind früher abholen möchten, kann dahinter deshalb etwas sehr Wertvolles stehen:

Ich möchte mit meinem Kind zusammen sein. Ich möchte ihm Zeit schenken.

Diese Zeit ist kostbar.

Gleichzeitig begegnen sich beim Abholen zwei Menschen, die beide bereits einen Teil ihres Tages erlebt haben.

Das Kind bringt seinen Vormittag mit.

Und Mutter oder Vater bringen ihren Vormittag mit.

Vielleicht brauchen deshalb sogar beide zunächst einen Moment, um wieder zueinanderzufinden.

Die interessante Frage ist dann weniger, ob früheres Abholen richtig oder falsch ist.

Sie lautet:

Wie können wir die gewonnene gemeinsame Zeit so gestalten, dass sie für Eltern und Kind wirklich gemeinsame Zeit werden kann?

Vielleicht geht es ruhig nach Hause.

Vielleicht kuscheln beide erst einmal.

Vielleicht verbringen sie einen entspannten Nachmittag miteinander.

Dann kann gerade diese zusätzliche Familienzeit für beide sehr wertvoll sein.

An anderen Tagen folgen vielleicht Einkaufen, Termine, Geschwister oder weitere Wege.

Auch das gehört zum Familienleben.

Deshalb ist eine zusätzliche Stunde mit Mutter oder Vater nicht automatisch eine Stunde mehr Ruhe – aber sie kann eine sehr wertvolle Stunde Beziehung sein.

Und genauso ist eine zusätzliche Stunde in einer vertrauten Betreuung nicht automatisch besser – aber auch sie kann wertvolle Kinderzeit sein.

Manchmal kann deshalb ein längerer zusammenhängender Betreuungszyklus mit Essen, Ruhe, Schlaf, langsamem Erwachen und anschließendem Spiel der ruhigere Tagesverlauf sein.

Und manchmal ist genau das frühe Abholen richtig und ermöglicht einen wunderbaren gemeinsamen Nachmittag.

Beides darf richtig sein.


Mehrere Beziehungen bedeuten nicht weniger Bindung

Vielleicht hilft an dieser Stelle noch ein weiterer Gedanke.

Familie und Betreuung müssen nicht um die Beziehung zum Kind konkurrieren.

Die Dokumentation Das Geheimnis der Urzeitmütter greift unter anderem die anthropologische Vorstellung auf, dass menschliche Kinder historisch nicht ausschließlich innerhalb einer isolierten Mutter-Kind-Beziehung aufwuchsen. Versorgung und soziale Entwicklung fanden auch innerhalb größerer Gemeinschaften und mit mehreren vertrauten Personen statt.

Auch aus bindungstheoretischer Perspektive ist bedeutsam, dass Kinder Beziehungen zu mehreren vertrauten Erwachsenen entwickeln können.

Dabei bleibt die Beziehung zu Mutter und Vater etwas Eigenes.

Eine verlässliche pädagogische Bezugsperson ersetzt diese Beziehung nicht und soll sie auch nicht ersetzen.

Sie kann dem Kind vielmehr eine zusätzliche sichere Beziehung in einer weiteren Lebenswelt anbieten.

So muss Bindung nicht als etwas verstanden werden, das weniger wird, sobald das Kind Beziehungen zu anderen Menschen entwickelt.

Die Beziehungswelt des Kindes kann wachsen.

Das Kind hat seine Familie.

Und es kann zugleich eine vertraute Betreuungsperson, eine Kindergruppe, Freundschaften, gemeinsame Rituale und einen eigenen sozialen Lebensraum haben.

Das eine muss dem anderen nichts wegnehmen.


Es geht nicht um möglichst lange Betreuung

All das darf nicht missverstanden werden.

Ein acht- oder neunstündiger Betreuungstag ist nicht automatisch besser als ein vier- oder fünfstündiger.

Eine lange Betreuungszeit in einer lauten, instabilen oder reizüberfluteten Umgebung mit wechselnden Bezugspersonen kann für ein kleines Kind sehr anstrengend sein.

Eine kürzere Betreuung in einer kleinen, stabilen und bindungsorientierten Gruppe kann dagegen wunderbar funktionieren.

Auch Kinder unterscheiden sich voneinander.

Und auch beim Mittagsschlaf gilt: Schlafbedarf und Schlafrhythmus verändern sich mit dem Alter. Ein Kind, das keinen Mittagsschlaf mehr benötigt, sollte nicht allein deshalb schlafen müssen, damit es in einen vorgegebenen Tagesablauf passt.

Deshalb sagt die reine Zahl der Betreuungsstunden erstaunlich wenig darüber aus, wie ein Kind seinen Tag tatsächlich erlebt.

Entscheidend sind unter anderem:

Beziehung, Verlässlichkeit, Gruppengröße, Rhythmus, Reizniveau, individuelle Bedürfnisse, Möglichkeiten zum freien Spiel und zur Ruhe – und die Anzahl und Gestaltung der Übergänge.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht:

Wie kurz oder wie lang sollte Betreuung sein?

Sondern:

Welcher Tagesrhythmus ermöglicht meinem Kind, seine begonnenen körperlichen, emotionalen und sozialen Prozesse möglichst in Ruhe zu durchleben?


Elternzeit und Kinderzeit müssen keine Gegensätze sein

Der Wunsch, sein Kind früher abzuholen, weil man mehr Zeit miteinander verbringen möchte, ist nicht etwas, das pädagogisch „korrigiert“ werden müsste.

Er erzählt vielmehr von der Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Von Nähe.

Von Verbundenheit.

Und von dem verständlichen Wunsch, Kindheit miteinander zu erleben.

Gleichzeitig entwickelt ein Kind zunehmend auch eine eigene Welt außerhalb dieser unmittelbaren Eltern-Kind-Beziehung.

Vielleicht braucht es heute einen frühen Nachmittag mit Mutter oder Vater.

Vielleicht braucht es gerade besonders viel Nähe.

Vielleicht passt ein kurzer Betreuungstag sehr gut zu diesem Kind und dieser Familie.

Vielleicht braucht es an einem anderen Tag aber auch noch Zeit, um sein Spiel fortzusetzen, gemeinsam zu essen, zur Ruhe zu kommen, zu schlafen, wieder aufzuwachen oder nach einem Streit wieder mit seinem Freund zusammenzufinden.

Wir Erwachsenen sehen darin möglicherweise:

„noch zwei Stunden Betreuung“.

Für das Kind können es zwei Stunden seines eigenen Lebens sein.

Und wenn Mutter oder Vater es später abholen, bedeutet das nicht, dass diese zwei Stunden Familienleben verloren gegangen sind.

Das Kind bringt etwas mit zurück.

Erlebnisse.

Beziehungen.

Vielleicht neue Wörter.

Vielleicht Müdigkeit.

Vielleicht Freude.

Vielleicht eine Geschichte.

Vielleicht einfach nur das Bedürfnis, wieder ganz nah bei Mama oder Papa zu sein.

So können Betreuungszeit und Familienzeit aufeinander aufbauen, anstatt miteinander zu konkurrieren.

Vielleicht geht es deshalb am Ende weniger um mehr oder weniger Betreuung.

Es geht darum, Kindern genügend Zeit zu geben, dort, wo sie gerade sicher gebunden sind, wirklich anzukommen, zu leben, zur Ruhe zu kommen und ihre begonnenen Erfahrungen weiterzuverarbeiten – bevor der nächste große Übergang ihres Tages beginnt.


Es bleibt ein Balanceakt

Dabei gibt es keine Betreuungszeit, die für jedes Kind und jede Familie gleichermaßen richtig ist.

Familien haben eigene Rhythmen und Bedürfnisse. Eltern möchten Zeit mit ihren Kindern verbringen, gemeinsame Nachmittage erleben und als Familie miteinander wachsen.

Diese Bedürfnisse der Eltern stehen nicht außerhalb der Bedürfnisse des Kindes.

Denn das Wohlbefinden einer Familie entsteht im Zusammenspiel ihrer Mitglieder. Wenn Eltern einen Tagesrhythmus dauerhaft als belastend erleben oder ihnen gemeinsame Zeit fehlt, ist auch das etwas, das ernst genommen werden sollte.

Genauso besitzt das Kind innerhalb seiner Betreuung einen eigenen Lebens- und Entwicklungsraum. Es braucht Zeit für Bindung, freies Spiel, Freundschaften, Konflikte und Wiederannäherung, für Essen, Ruhe, Schlaf und Verarbeitung – und für die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Beides gehört zusammen.

Eltern dürfen ihr Kind vermissen.

Sie dürfen sich auf das Abholen freuen.

Sie dürfen den Wunsch haben, mehr gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen.

Und gleichzeitig dürfen sie darauf vertrauen lernen, dass ihr Kind in einer guten und vertrauten Betreuung nicht einfach die Stunden bis zu ihrer Rückkehr überbrückt.

Es lebt auch dort.

Für das Kind ist besonders hilfreich, wenn die Erwachsenen seiner beiden Lebenswelten einander vertrauen und ihm vermitteln können:

Du darfst hier sein. Und du darfst dich darauf freuen, wieder nach Hause zu kommen. Beides gehört zu deinem Leben.

Dafür brauchen nicht nur Kinder Sicherheit.

Auch Eltern brauchen die Erfahrung, dass ihr Kind gesehen, verstanden, getröstet und liebevoll begleitet wird. Vertrauen in Betreuung kann nicht eingefordert werden. Es muss in Beziehung entstehen.

Und auch die pädagogische Bezugsperson trägt Verantwortung dafür, dieses Vertrauen durch Verlässlichkeit, Transparenz und einen offenen Austausch mit den Eltern wachsen zu lassen.

Die eigentliche Aufgabe besteht deshalb vielleicht darin, eine individuelle Balance zwischen Familienzeit und Betreuungszeit zu finden, die sowohl die Bedürfnisse der Familie als auch die körperlichen, emotionalen, sozialen und pädagogischen Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt.

Und diese Balance ist nicht für immer gefunden.

Kinder entwickeln sich.

Schlafbedürfnisse verändern sich.

Beziehungen entstehen.

Familiäre Situationen verändern sich.

Auch die Bedürfnisse von Eltern verändern sich.

Ein Rhythmus, der heute gut funktioniert, kann einige Monate später nicht mehr passend sein.

Deshalb bleibt die Gestaltung von Betreuungszeit ein behutsamer Balanceakt, den Eltern und pädagogische Bezugspersonen immer wieder gemeinsam betrachten dürfen:

Wie geht es diesem Kind mit seinem Tagesrhythmus?

Kommt es morgens gut an?

Findet es in sein Spiel?

Kann es Beziehungen aufbauen und vertiefen?

Bekommt es genügend Ruhe?

Wie erlebt es die Übergänge?

Wie kommt es am Nachmittag wieder in seiner Familie an?

Und genauso wichtig:

Wie geht es der Familie mit diesem Rhythmus?

Vielleicht liegt gerade darin eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und pädagogischen Bezugspersonen:

nicht eine bestimmte Zahl von Betreuungsstunden zum Ideal zu erklären, sondern gemeinsam aufmerksam zu beobachten, welcher Rhythmus diesem Kind und dieser Familie gerade guttut.

Denn am Ende geht es weder darum, möglichst viel Familienzeit noch möglichst viel Betreuungszeit zu schaffen.

Es geht darum, Zeit so zu gestalten, dass Beziehung, Entwicklung, Gemeinschaft und Familie ihren Platz bekommen.

Und diese Balance darf immer wieder neu gefunden werden.

 
 
 

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