Bindung ist Bildung. Eine neurobiologische Perspektive auf den Sächsischen Erziehungs- und Bildungsplan für Kinder von 0 bis 3 Jahren
- Fernando Rueda

- 10. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Juni
Der neue Sächsische Erziehungs- und Bildungsplan stellt einen wichtigen Fortschritt für die frühkindliche Bildung dar. Im Vergleich zu früheren Bildungsverständnissen betont er deutlich stärker die Bedeutung von Beziehungen, Vertrauen, Wohlbefinden, Partizipation und emotionaler Entwicklung.
Besonders hervorzuheben ist, dass Bindung und Emotionsregulation ausdrücklich thematisiert werden. So heißt es:
„Aus bindungstheoretischer Perspektive entwickelt sich Persönlichkeit vor allem durch soziale Beziehungserfahrungen.“ (S. 83)
Damit greift der Bildungsplan eine zentrale Erkenntnis moderner Bindungsforschung auf: Kinder entwickeln sich nicht isoliert, sondern in Beziehungen.
Aus Sicht der Neurobiologie und der Interpersonellen Neurobiologie bleibt jedoch eine wesentliche Frage offen:
Welche Bedeutung haben Bindung und Beziehung in den ersten drei Lebensjahren tatsächlich?
Sind sie ein wichtiger Bildungsbereich unter vielen?
Oder bilden sie das Fundament, auf dem alle anderen Bildungsprozesse überhaupt erst entstehen können?
Das Gehirn kleiner Kinder ist kein kleines Erwachsenengehirn
Wer verstehen möchte, wie Kinder zwischen null und drei Jahren lernen, muss zunächst verstehen, wie sich ihr Gehirn entwickelt.
Ein Säugling verfügt noch nicht über die neurologischen Voraussetzungen, die Erwachsene für bewusstes Lernen nutzen. Die Hirnregionen, die für Selbststeuerung, Impulskontrolle, Planung, Perspektivübernahme und Reflexion verantwortlich sind – insbesondere der präfrontale Cortex –, befinden sich noch in einem langen Reifungsprozess.
Auch das explizite Gedächtnis, das bewusstes Erinnern und Lernen aus Erklärungen ermöglicht, ist in den ersten Lebensjahren nur eingeschränkt verfügbar.
Das bedeutet:
Kleine Kinder lernen nicht primär durch Belehrung.
Sie lernen nicht primär durch Wissensvermittlung.
Sie lernen nicht primär durch pädagogische Angebote.
Sie lernen vor allem durch Erfahrungen.
Durch Beziehungen.
Durch Nachahmung.
Durch körperliche Erfahrungen.
Durch Selbstwirksamkeit.
Und durch die Art und Weise, wie Erwachsene auf ihre Bedürfnisse reagieren.
Aus neurobiologischer Sicht vollzieht sich frühes Lernen daher überwiegend implizit.
Das Kind lernt nicht zuerst etwas über die Welt.
Es lernt zunächst etwas über sich selbst in der Welt.
Die eigentliche Bildungsaufgabe der ersten Lebensjahre
Aus neurobiologischer Sicht besteht die wichtigste Entwicklungsaufgabe eines Kindes in den ersten Lebensjahren nicht im Erwerb von Wissen.
Die wichtigste Aufgabe besteht in der Entwicklung eines regulierten Nervensystems.
Das kindliche Nervensystem wird dabei wesentlich über drei miteinander verbundene Systeme beeinflusst:
das Bindungssystem,
das Stresssystem,
das Beruhigungs- und Sicherheitssystem.
Wenn ein Kind Angst hat, überfordert ist, sich allein fühlt oder Unsicherheit erlebt, wird sein Bindungssystem aktiviert.
Es sucht Nähe.
Es weint.
Es klammert.
Es ruft nach Unterstützung.
Der Bildungsplan beschreibt diesen Vorgang ausdrücklich:
„Wenn sich ein Kind verunsichert fühlt, kommt es zu einer Aktivierung des Bindungssystems. Dabei nutzt das Kind Signale wie Weinen oder Anklammern, um Nähe herzustellen.“ (S. 84)
Weiter heißt es:
„Die Bezugspersonen unterstützen Kinder bei der Regulation ihrer Gefühle und schaffen damit die Grundlage für die Exploration der Umwelt.“ (S. 84–85)
Dieser Satz beschreibt möglicherweise die wichtigste neurobiologische Erkenntnis der frühen Kindheit.
Kinder können sich zunächst nicht selbst regulieren.
Sie brauchen Erwachsene, die sie regulieren.
Erst durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Trost, Resonanz und Schutz entwickelt sich allmählich die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Warum Regulation vor Bildung kommt
Die moderne Hirnforschung zeigt:
Ein Kind, dessen Stresssystem aktiviert ist, befindet sich nicht in einem optimalen Lernzustand.
Wenn das Nervensystem mit Bedrohung, Unsicherheit oder Überforderung beschäftigt ist, stehen Schutz und Überleben im Vordergrund.
Neugier, Spiel, Exploration und Lernen treten in den Hintergrund.
Deshalb lautet die neurobiologische Reihenfolge früher Entwicklung:
Bindung → Regulation → Exploration → Lernen
Erst wenn ein Kind Sicherheit erlebt, kann es sein Stresssystem regulieren.
Erst wenn Regulation gelingt, entsteht Neugier.
Und erst auf dieser Grundlage werden nachhaltige Bildungsprozesse möglich.
Genau hier liegt aus meiner Sicht der zentrale blinde Fleck des Bildungsplans.
Er beschreibt Bindung und Regulation als wichtige Aspekte pädagogischer Arbeit.
Er beschreibt sie jedoch nicht konsequent als die Grundlage aller weiteren Bildungsprozesse.
Partizipation und Demokratie im Alter von 0 bis 3 Jahren
Besonders interessant wird diese Frage beim Thema Partizipation und Demokratiebildung.
Der Bildungsplan betont zu Recht die Bedeutung von Beteiligung und Mitbestimmung.
Doch gerade im Alter von null bis drei Jahren muss sorgfältig unterschieden werden zwischen echter Beteiligung und entwicklungsunangemessener Entscheidungsverantwortung.
Ein zweijähriges Kind kann meist nicht zuverlässig beurteilen, wann es schlafen sollte.
Es kann Müdigkeit oft noch nicht einordnen und überschreitet leicht seine Belastungsgrenze.
Ebenso kann ein Kleinkind häufig noch nicht überblicken, welche Nahrung langfristig gesund ist oder welche Entscheidung seinem Wohl dient.
Wird einem Kind Verantwortung übertragen, die seine Entwicklungsmöglichkeiten übersteigt, entsteht nicht Freiheit, sondern Überforderung.
Und Überforderung bedeutet Stress.
Aus neurobiologischer Sicht besteht die Aufgabe des Erwachsenen deshalb nicht darin, möglichst viele Entscheidungen an das Kind abzugeben.
Die Aufgabe besteht darin, die Signale des Kindes tiefgreifend zu verstehen und stellvertretend verantwortungsvoll zu handeln.
Partizipation bedeutet in diesem Alter nicht:
„Ich darf alles entscheiden.“
Sondern:
„Ich werde gesehen.“„Ich werde verstanden.“„Meine Bedürfnisse haben Bedeutung.“
Demokratie beginnt für kleine Kinder nicht bei Abstimmungen.
Sie beginnt bei Resonanz.
Sie beginnt dort, wo Erwachsene die innere Welt des Kindes ernst nehmen.
Die Persönlichkeit der Fachkraft als Bildungsfaktor
Ein weiterer Aspekt bleibt im Bildungsplan weitgehend unausgesprochen.
Der Plan fordert zu Recht Selbstreflexion und verweist auf die Bedeutung eigener Beziehungsmuster, Bindungsstile und biografischer Erfahrungen.
Doch die eigentliche Tragweite dieser Forderung wird kaum erläutert.
Aus Sicht moderner Neurobiologie wird die Persönlichkeit der Bezugsperson selbst zu einem Bildungsfaktor.
Kinder lernen nicht nur von Erwachsenen.
Sie lernen Erwachsene.
Sie erleben täglich:
ihre Stimme,
ihre Mimik,
ihre Reaktionen,
ihre Geduld,
ihre Selbstregulation,
ihren Umgang mit Stress,
ihren Umgang mit Konflikten,
ihre emotionale Verfügbarkeit.
Diese Erfahrungen prägen das kindliche Nervensystem unmittelbar.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Was lernt das Kind?“
Sondern:
„Wer wird das Kind durch die Beziehung zu den Erwachsenen, die es begleiten?“
Daher ist an diesem Punkt entscheidend, einen Blick auf die Entstehung der implizitän Identität zu werfen, da sie später das bewusste Selbstbild des Kindes prägt und auf die frühen, impliziten Erfahrungen aufbaut:
Die Bildung der impliziten Identität
Die vielleicht tiefgreifendste Bildungsleistung der ersten Lebensjahre ist die Entwicklung der impliziten Identität.
Kinder entwickeln unbewusst grundlegende Überzeugungen über sich selbst, andere Menschen und die Welt:
Bin ich willkommen?
Bin ich wichtig?
Darf ich Gefühle zeigen?
Werde ich verstanden?
Sind andere Menschen verlässlich?
Ist die Welt ein sicherer Ort?
Diese Überzeugungen entstehen nicht durch Unterricht.
Sie entstehen nicht durch Förderprogramme.
Sie entstehen durch Beziehung.
Durch Blickkontakt.
Durch Trost.
Durch Schutz.
Durch Feinfühligkeit.
Durch Resonanz.
Durch das Gefühl, verstanden zu werden.
Aus Sicht von Allan Schore, Daniel Siegel, Bruce Perry und Louis Cozolino sind diese Ko-regulationsprozesse die dank feinfühlligen Interaktionen das Stresssystem, die Bindung und Selbstberuhigung im Kind Ko-regulieren und so die implizite Identität nachhaltig prägen.
Kinder lernen nicht nur die Welt kennen.
Sie lernen vor allem, wer sie selbst in dieser Welt sind.
Was bedeutet das für die Praxis?
Wenn wir die Erkenntnisse moderner Neurobiologie ernst nehmen, verändert sich unser Verständnis von Bildung grundlegend.
Die wichtigste pädagogische Aufgabe im Alter von null bis drei Jahren besteht nicht darin, möglichst viele Bildungsangebote bereitzustellen.
Sie besteht darin, Kindern die Erfahrung sicherer Bindung zu ermöglichen.
Das Ziel sicherer Bindung ist dabei nicht Abhängigkeit.
Das Ziel ist Selbstständigkeit.
Kinder entwickeln Resilienz dadurch, dass sie immer wieder erleben, wie Belastungen gemeinsam bewältigt werden können.
Wenn ein Kind Angst erlebt und getröstet wird, entwickelt es allmählich die Fähigkeit, sich später selbst zu beruhigen.
Wenn ein Kind erlebt, verstanden zu werden, entwickelt es die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen.
Wenn ein Kind wiederholt Schutz erfährt, entwickelt es ein inneres Gefühl von Sicherheit.
Wenn ein Kind immer wieder die Erfahrung macht, dass seine Gefühle wahrgenommen und ernst genommen werden, entwickelt es Vertrauen in sich selbst und in andere Menschen.
Was zunächst zwischen zwei Menschen geschieht, wird später zu einer inneren Fähigkeit des Kindes.
So entsteht Resilienz.
So entsteht Selbstregulation.
So entsteht Beziehungsfähigkeit.
Und so entsteht Identität.
Fazit
Der Sächsische Erziehungs- und Bildungsplan enthält viele wertvolle Erkenntnisse zu Bindung, Vertrauen, Wohlbefinden und Emotionsregulation.
Aus Sicht moderner Neurobiologie bleibt jedoch eine wesentliche Leerstelle bestehen:
Der Plan beschreibt Bindung als einen wichtigen Aspekt pädagogischer Arbeit.
Er beschreibt sie jedoch nicht konsequent als das tragende Fundament aller Entwicklungs- und Bildungsprozesse der ersten Lebensjahre.
Dabei betrifft Bindung nicht nur die emotionale Entwicklung.
Sichere Bindung bildet die Grundlage für:
Resilienz,
Selbstständigkeit,
Sprache,
Lernfähigkeit,
soziale Kompetenz,
Selbstregulation,
psychische Gesundheit,
und die Entwicklung einer stabilen Identität.
Aus dieser Perspektive erscheint Bindung nicht als ein Bildungsbereich neben anderen.
Sie ist der Entwicklungsraum, in dem Bildung in den ersten Lebensjahren überhaupt erst möglich wird.
Denn bevor Kinder Wissen erwerben, entwickeln sie ein Bild von sich selbst.
Und dieses Bild entsteht nicht durch Bildungsangebote.
Es entsteht durch Beziehung.
Nicht Bildung schafft Sicherheit.
Sicherheit schafft Bildung.
Literatur:
Allan N. Schore
Schore, Allan N.: Affektregulation und die Reorganisation des Selbst. Klett-Cotta.
Schore, Allan N.: Schaltstellen der Entwicklung. In deutscher Herausgabe/Übersetzung durch Eva Rass, Klett-Cotta.
Daniel J. Siegel
Siegel, Daniel J. / Bryson, Tina Payne: Präsente Eltern – starke Kinder. Warum Verlässlichkeit für die kindliche Entwicklung so wichtig ist. Kösel, 2021.
Siegel, Daniel J. / Bryson, Tina Payne: Wie Kinder aufblühen. Kösel.
Bruce D. Perry
Perry, Bruce D. / Winfrey, Oprah: Was ist dein Schmerz? Gespräche über Trauma, seelische Verletzungen und Heilung. btb/Goldmann, deutsch 2023.
Perry, Bruce D. / Szalavitz, Maia: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde. Kösel.
Louis Cozolino
Cozolino, Louis: Die Neurobiologie menschlicher Beziehungen. VAK Verlag.

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